Das Erbauliche ist bei Kierkegaard die Beziehung zur Wirklichkeit des Persönlichen, in Abgrenzung zum gleichgültigen Wissen der Wissenschaften. Entweder – Oder endet mit dem Satz: “[…] nur die Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich.” (2014: 933) In seinem Tagebuch schreibt SK: “Es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, […] Was nützte es mir, dass die Wahrheit kalt und nackt vor mir stünde, gleichgültig dagegen, ob ich sie anerkennte oder nicht […]?” (2013a) – die kalte, nackte, wissenschaftliche Wahrheit, die unmenschliche Neugierde, die keine Grenzen kennt und wo jede neue Erkenntnis ihr Selbstzweck ist, ist keine Erbauung. Auch das Vorwort der Krankheit zum Tode hat die Erbauung zum Thema: “Viele wird die Form dieser ‘Erörterung’ vielleicht absonderlich dünken; sie wird ihnen zu streng scheinen um erbaulich sein zu können, und zu erbaulich, um streng wissenschaftlich sein zu können.” (2004: 3) Letzteres ist wohl eine Anspielung auf Hegel, in dessen Tradition sich Jaeggie sieht und der – so ersuchmaschinte ich es mir zumindest auf die Schnelle – die Einsicht über die Erbauung stellte; denn er hatte zum Ziel, die Philosophie auf den Rang einer Wissenschaft zu heben. Mein Befremden gegenüber Jaeggis Lebensform-Konzeption hängt vielleicht schlicht damit zusammen, dass ich mich Kierkegaard näher fühle als Hegel. Lebensformen sind bei Jaeggi “komplex strukturierte Bündel […] sozialer Praktiken, die darauf gerichtet sind, Probleme zu lösen, die ihrerseits historisch konzeptualisiert und normativ verfasst sind.” (2013b: 58) Ich erinnere mich, dass Jaeggi deutlich macht, dass die Lebensformen “nicht bloßes Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks” (2013b: 200) sind, sondern mehr. – Doch nüchtern (man könnte sagen streng wissenschaftlich) betrachtet sind sie vorrangig eben Problemlösungsinstanzen.

Ich frage mich, ob dieser Blick auf die Welt (als ein Konglomerat aus zu lösenden Problemen) … vieles ist: vllt mächtig, pragmatisch, wissenschaftlich, ja zeitgemäß, doch auch woran unsere Zeit krankt – wir haben sogar Angst, dass KI die Weltherrschaft übernimmt, weil sie gut darin ist, Probleme zu lösen; als könnte man aus der Möglichkeit ein Problem zu lösen, schon den Antrieb dazu nehmen, es zu lösen. Um zurück zum Anfang zu kommen: Ich frage mich, ob dieser Blick auf die Welt, wie er mir bei Jaeggie impliziert und in unserer Zeit häufig vorzukommen scheint, vieles ist, doch nicht erbaulich. Das ist aber auch nicht Jaeggis Bestreben. Sie möchte wohl gar nicht (vorrangig) erbaulich sein; vielmehr, im Sinne von Hegels Ziel, ermöglichen, wissenschaftlich über Werte, über Lebensziele und Lebensführung und letztlich über den Sinn einer grenzenlos werdenden Wissenschaft zu sprechen.

An diesem Bestreben bin ich weiter ehrlich interessiert, möchte offen dafür blieben. Ich glaube, sie möchte die Möglichkeit für eine Besserung schaffen und hoffe, dass es ihr gelingt.

Und doch glaube ich, es ermangelt uns mehr noch als der Einsicht der Erbauung und frage mich, was Erbauung (heute) bedeutet.

Literaturverzeichnis

  • Deutschlandfunk. (2013a). Ein Mann voller Abgründe. https://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-mann-voller-abgruende-102.html, abgerufen am 12. November 2023.
  • Jaeggi, Rahel. (2013b). Kritik von Lebensformen. Suhrkamp Verlag.
  • Kierkegaard, Søren Aabye. (1843). Enten – Eller. Et Livs-Fragment, udgivet af Victor Eremita. [Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita. (2014). Übers.: Heinrich Fauteck; Hrsg.: Hermann Diem & Walter Rest. Deutscher Taschenbuch Verlag: München.]
  • Kierkegaard, Søren Aabye. (1849). Sygdommen til Døden. [Die Krankheit zum Tode. (2004). Übers.: Emanuel Hirsch. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.]