Ein Blog-Beitrag wie ein NF-Album
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Start: Innenperspektive (0)

Wenn ich jetzt ein Bild von meiner innenperspektivischen Welt zeichnen sollte, wären dort keine Schnurrbart-Enden zu erkennen. Nur die Spitze meiner eher stupsigen Nase würde ab und an ins Blickfeld geraten. 

In diesem Moment ist das allerdings nicht allzu bedeutsam für meine Welt. Ich beginne daher mit dem jungen Mann mit den bläulich-rot-gefärbten Haaren. Immerhin sitzt er durchaus erwähnenswert aufrecht im Schneidersitz im Gras — kurz sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge in einer mittelalterlichen Runde an einem Lagerfeuer souverän Geschichten in Versform vortragen. Doch in Wirklichkeit sitzt er natürlich im Englischen Garten… ziemlich für sich, auf einer knapp ein Fußballfeld großen Wiese, spielt Ukulele. Er verfolgt kein Ziel mit seinem Spiel, noch nicht einmal ein richtiges Publikum hat er: nur mich, ein MVG-Mietfahrrad, welches übrigens zivilisiert steht (meist liegen die ja mehr reichlich lieblos da), und zwei Bäume. 

Während sich die Töne der Barden-Reminiszenz melodisch zwischen das Gezwitscher einiger Meisen und das Rascheln der Blätter im Wind fügen, teilt dieser sich die Wiese sonst nur noch mit einem Pärchen, das weiter entfernt auf einem lila Sitzsack… nun… chillt: Schatten, Bier, Smartphone. 

Hinter dem blauen Fahrrad und ein paar Baumwipfeln versteckt sich der Monopteros vor meinem sinnlich wahrnehmenden Blick: zehn Säulen, mit einem kleinen Mützchen und einem bunten Bommel darauf. Mitgedacht wird nicht nur er, sondern auch der breite, weiße Weg, der zu Hofgarten und Odeonsplatz führt. Am nordöstlichsten Aufgang der U-Bahn-Station ist der Starbucks: eine geradezu mustergültige Instanz amerikanischer Kaffeekultur — davor die immer gleichen, reichlich geschminkten Gesichter. Und dieses Gesamtpaket aus dunklen Augen, teuren Autos, plastikbecherlicher Amerika-Manier und “Wie heißt nochmal die gelbe Kirche?” gehört für mich konstitutiv zum Odeonsplatz, wie er sich in den jetzt fast zehn Jahren, die ich mich nun bereits in München frage, was das alles soll, herausgeschält hat. 

Was der Starbucks dem Odeonsplatz ist, ist die Wiese zwischen Monopteros und Eisbach dem Englischen Garten. Wie so oft bevölkern ihre ersten Ausläufer auch heute nicht nur allerlei Vermutlichkeiten und Möglichkeiten, sondern auch eine Vielzahl von Student*innen und anderem (meist jungem) Gemensch. In erster Line aber, wie immer an so einem Bilderbuch-Sommertag: viel davon. 

Unter solch ein Getümmel mischt sich bei mir häufig ein gesichtslos bleibender Erzähler. Ihm scheint es dort zu gefallen. Bald tritt er mal mehr, mal weniger deutlich daraus hervor und raunt oder spricht ein knappes “Der Patient leidet.”, meint damit natürlich mich. Heute füge ich ein knappes “unter zu hohen Erwartungen” hinzu und wende meine Aufmerksamkeit auf die Blattfarbe eines der beiden Bäume vor mir. Je länger ich erst diese, dann die Haare des Musizierenden betrachte, desto verblüffender wird die Ähnlichkeit zwischen der Farbe der Zweig- bzw. Kopfbedeckungen. … Bald bin ich mir sicher: Einige Blätter des Baumes im Licht der Sonne hätten auf meinem Rechner den exakt selben Hexadezimal-Farbcode wie die Haare im Schatten des anderen Baumes. 

Dass ich ihn betrachte, bemerkt bald auch der Ukulele-Spieler: Immer wieder dreht er sich jetzt zu mir um. Mein urteilendes Bewusstsein nimmt das zum Anlass festzustellen, dass er, selbst wenn er eine Frau wäre, wohl nicht mein Typ wäre; es fragt sich, was das über mich aussagt; und als es darauf keine Antwort findet, verpufft die im Ansatz homoerotische Vorstellung im Nichts. 

Vielleicht sind es aber auch die konservativ-volksfestlichen Schwingungen, die solche Gedanken nicht zulassen, denn in diesem Moment dröhnt vom chinesischen Turm Blasmusik in meine Welt: nicht melodisch, eher aufdringlich. Vor allem aber so laut, dass es die zarten Töne des Ukulele-Spielers einfach verschluckt werden: ein hilfloses Kleinstinsekt treibt im Maßkrug — während ein betrunkenen Bläser gerade zu einem wohlverdienten, tiefen Zug ansetzt und … 

Das Salz der Erde

Mit den Trompeten drängen dann auch orangene Bierbänke, (vermutlich) trendige Karohemden und viele Brezen mit noch mehr Salzkörnern in meine Welt. Es erinnert mich an einen Ausschnitt aus dem Buch neben mir:

“Ihr seid das Salz der Erde.”
“?”
“Wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit soll gesalzen werden?”

Haruki Murakami, Pinball 1973

(1) Womit wir auch bei einem der Gedanken wären, die mich zu dieser vergilbt-grünen Parkbank mit herausgerissenem Namensschild und abgenutzter Sitzfläche geführt haben: Ja, ich komme nicht umhin zu glauben, dass unser Salz nicht mehr so richtig salzt. Und wie immer stellt sich bei dem Gedanken eine dumpfe Traurigkeit ein. 

In meinem Dasein als wollendes Bewusstsein beschäftigt mich an Murakamis Sätzen primär die Absehbarkeit, dass mein Salz wohl nie salzen wird, obwohl es das doch so gerne würde. Würde es sich sonst nirgends gerne einreihen, die Vorstellung neben Kafka, Dostojewski, Kierkegaard und Stefan Zweig zu stehen… hinterlässt mittlerweile einen bitteren Stich. Meine Salzkörnchen ahnen, dass sie eben mehr Rädchen sind. Zahnrädchen im Bauch einer riesigen Maschine. 

Vor meinem inneren Auge laufen jetzt vom Ehrgeiz gemartert und dem Ereignis des Tages getriebene (2) Nebenmenschen an mir vorbei. Es folgen ein paar der Langeweile entfliehende, wichtige Gesichter (3)… ausgewachsene Zahnräder, die sich allerdings beim besten Willen nicht Salz der Erde nennen dürfen. Angeblich sind auch sie Ichsubjekte in der Welt… in meiner Welt, die sie sich mit Nietzsche, Büchner, einem Wal, auf dessen Rücken eine Stadt entsteht, und den Gebrüderpaaren Strugatzki und Grimm teilen.

Ende: Ein Blog wie ein NF-Album

Und so gehen auch heute die seltenen und immer seltener werdenden Stunden alleine vorbei. Wie so oft bleibt ein wenig Traurigkeit: Es folgen wieder Stunden, Tage, Wochen, in denen ich mich scheinbar zufrieden mit Aufgaben von mir und meinem Leben ablenke — nicht sonderlich heldenhaft, salzend, wie ich finde. 

Meine Welt packe ich also ein, stopfe sie in einen der vielen Alltagscontainer, die praktischer Weise gleich zwischen Schwabinger Bach und Ohmstraße neben einem angeleinten Hund am Straßenrand stehen als wären sie genau dafür gedacht. Eines Tages werde wohl auch ich meine dort einfach vergessen. 

Ich halte fest: Sie war knittrig, bestückt mit Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellung, Tools, ja, Träumen und Tagträumen, sogar Möglichkeiten und Vermutlichkeiten. Ein paar Sehnsüchte waren mit all dem verflochten. Hexadezimalcodes beschrieben sie nur unzureichend; eher waren in sie ab und an, ein paar Lines von Prezident, Harry Quintana oder auch lange Zeit noch NMZS eingewoben. Auch steht fest: Ich konnte sie nie wirklich beschreiben. Und das obwohl ich in der privilegierten Position war… und bin, es versuchen zu können, dabei nicht viel mehr als ein paar Jahre meines Lebens zu verlieren. Kurz denke ich, der Beitrag nimmt ein gutes Ende; denke, dass die Sternchen vor den Augen beim Laufen gegen greengewashte, transparente Wände, sich in einen Lichtblick verwandeln; als ich an das ‘liebevolle’ Ausgestalten einiger Skizzen und Beschreibungen denke; daran, dass ich zumindest nicht aufhören werde, meine zweck-, doch hoffentlich nicht sinnlosen Texte zu schreiben. 

Doch dann ruft eine Leserin dazwischen: “… ich lese deine Geschichten und ich sehe Potential, deine Sprache und die Art und Weise wie du Dinge beschreibst, also deine Sicht finde ich ziemlich individuell… nur ich glaube dir fehlen etwas echte… echte Erfahrungen? Könnte das sein?”

Könnte das sein? Ja, könnte das sein? 

Und die Antwort des Tages ist: Das könnte gut sein. 

“Wirft man einen Blick in die Texte dieses knapp 5-jährigen Projekts, so kommt man schnell zur der Erkenntnis, dass MZ nicht wirklich was zu sagen hat.”, denke ich und beschließe das Unterfangen dieses Blog-Beitrags… mit gemischten Gefühlen. (4)


Marco

(0) Husserl Edmund Gustav Albrecht: Die phänomenologische Methode (Ausgewählte Texte I). Reclam: Stuttgart 1985.

(1) Die Zeilen stehen so (ohne das “?”) übrigens auch in der Bergpredigt im neuen Testament. Abgesehen davon, dass mir das erst im Nachhinein (23.06.2021) bewusst wurde – Schande über mein Haupt! -, ist es aber sicherlich zeitgemäßer Murakami zu zitieren. Und man bemüht sich ja zeitgemäß zu sein:

(2) Friedrich Wilhelm Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 1132. 
http://www.zeno.org/nid/20009245812

(3) Karl Georg Büchner: Werke und Briefe. Frankfurt a.M.
http://www.zeno.org/nid/20004637151

(4) Mirco Leier: Pompös und steril: Ein Album wie ein Hans Zimmer-Score. 2021. https://www.laut.de/NF/Alben/Clouds-115999