Vorbemerkung: Der folgende Text ist die überarbeitete Version eines Essays, den ich im WS2526 im Seminar Religion in der Moderne: Perspektiven und Kontroversen geschrieben habe.
Was das Verhältnis des Subjekts zu der erkannten Wahrheit betrifft, so nimmt man an, daß es mit der Aneignung der Wahrheit, wenn nur erst das objektiv Wahre zuwege gebracht ist, eine Kleinigkeit ist, die man von selbst als Zugabe beim Kauf mitbekommt […].
Søren Aabye Kierkegaard – Abschließende Unwissenschaftliche Nachschrift
(UN I: 18)
Anlass und Fragestellung
2026 sind 7 von 9 planetaren Grenzen überschritten. In Griechenland und anderen Ländern Südeuropas werden Waldbrände mehr und mehr zu Saisonereignissen. Versicherungen passen ihre Tarife an die zunehmende Häufigkeit von Stürmen und Extremwetterereignissen an, in Teilen der USA werden Häuser vermehrt nicht versicher-, bald wohl auch dort Regionen unbewohnbar; und während die Krebsraten steigen, die Betroffenen in den weniger wohlhabenden Schichten jünger werden, sprechen wir nicht über Stickoxide in der Luft, Mikroplastik in Lebensmitteln oder abnehmende Trinkwasserqualität, sondern wir behandeln die Diagnose als je einzelne Schicksalsschläge.
Lange Zeit war die Hoffnung der Umwelt- und Klimaktivist:innen, dass die ‹harten Fakten› der Klimawissenschaften sowie aus ökologischen und geowissenschaftlichen Untersuchungen die Menschen zum Handeln bewegen würden – aber das ist nicht geschehen. Und genau dort möchte ich mit diesem Essay ansetzen: Warum ist es der westlichen (sich für aufgeklärt und mündig haltenden) Welt nicht gelungen, vorausschauend und gestaltend auf die sich über Jahrzehnte abgezeichnet habende ökologische Bedrohung zu reagieren?
Eine kierkegaard’sche Perspektive auf die Umwelt- und Klimakrise
Um eine kierkegaard’sche Antwort auf diese Frage zu geben, habe ich zwei Aufhänger aus einschlägiger soziologischer bzw. philosophischer Literatur zur Umwelt- und Klimakrise gewählt. An diesen wird, meines Erachtens, gut die angenommene ethische Bewegung vom Setzen eines Ideals zu dessen Wirksamwerden deutlich – die Bewegung, die Kierkegaard bereits an Kant kritisiert hat und dabei erwartete, dass sie nicht die erhofften Resultate erzielen wird.
Die beiden Texte aus unserer Zeit – meine Aufhänger – sind Ingolfur Blühdorns soziologische Analyse im Buch Unhaltbarkeit und der etwas frühere ökologische Imperativ von Hans Jonas.
Zunächst zu Blühdorn: Eine seiner zentralen Thesen in seinem Buch Unhaltbarkeit ist, dass die normativen Grundsätze des ökoemanzipatorischen Projekts – der Gestaltung einer Welt hin zu einer sozialökologischen Transformierten – zunehmend unhaltbar werden. Diese normativen Grundsätze lauten vereinfacht (vgl. UH: 25), dass wir eine Welt gutheißen, in der es mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und weniger Unterdrückung der autonomen Subjekte gibt; dass wir universelle Menschenrechte anerkennen und (in einem (wohl) noch nicht zur Entfaltung gekommenen nächsten Schritt) sogar der Natur – als wäre sie ein eigenes, autonomes Subjekt – Rechte zusprechen. Außerdem sind wir der Überzeugung, dass wir durch die Partizipation mündiger Bürger:innen am demokratischen Prozess die Welt hin zu einem guten Leben für alle gestalten können.
Ich lese den Soziologen in diesem Essay bewusst psychologisch und verstehe ihn wie folgt:
Wenn man angesichts des kategorischen Imperativs, beispielsweise mit Hans Jonas, den ökologischen Imperativ ableitet –
Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. Oder negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.
Hans Jonas (PV)
– wenn man also solch einen ökologischen Imperativ ableitet, erscheinen dem Individuum 2026 seine normativen Grundsätze zunehmend unhaltbar – auch im Sinne von unerträglich und haltlos (vgl. SZ: 8).
- Haltlos sind sie, denn so sich das Individuum in seiner Welt umblickt, es sich eingestehen muss: Das Ideal ist so fernab von dem, was es erblickt, dass es nie handlungswirksam werden kann (vgl. BA-MZ). Das Individuum fragt sich: „Wo bitte ist in dieser, meiner Welt der Mensch, der heute so lebt, dass seine Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden? Meine Mutter ist es nicht, meine ehemaligen Schulkamerad- und heutigen Freund:innen sind es nicht und auch ich – ich bin es auch nicht.“
- Dass sie unerträglich ist, zeigt sich am besten an der Psyche derjenigen, die versuchen, solch einen in ihrer Welt haltlosen Imperativ ernst zu nehmen – und daran scheitern: je nach charakterlicher Neigung zynisch lachend, sich ängstlich hin- und herwerfend oder deprimiert resignierend erstarrt.
Dass die normativen Grundsätze (des ökoemanzipatorischen Projekts) heute unhaltbar geworden sind, legt Blühdorn angesichts der oben genannten Umwelt- und Klimaprobleme im 21. Jahrhundert nahe. Dass die ethische Bewegung, die diesem Projekt zugrunde liegt, nicht handlungswirksam werden wird, hat Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert vermutet.
Denn: Die Bewegung, ein Ideal zu setzen – den freien, mündigen, selbstbestimmten Bürger – und dann zu glauben, damit wäre der Mensch in der Lage, ins Handeln zu kommen, war für Kierkegaard immer zum Scheitern verurteilt (vgl. BA: 456, BA-MZ). Angesichts der – vor unserem derzeitigen normativen Hintergrund – katastrophalen Auswirkungen unseres Handelns hätte Kierkegaard allen Grund nur süffisant zu lächeln und zu sagen: “Und? Glaubt ihr immer noch, der Mensch wird sich frei für das Gute und gegen seine Neigungen entscheiden, wenn ihr ihm dieses Ideal vor die Nase haltet?”
Was also schlägt Kierkegaard vor? Im Begriff Angst schlägt er vor, die Bewegung gänzlich umzukehren (vgl. BA-MZ), die Ethiken in der Tradition Kants vorsehen: Wir beginnen nicht mit einer Forderung, nicht mit einem idealisierten Menschenbild; nicht mit der Idealität, sondern mit der Wirklichkeit. Wirklichkeit ist bei Kierkegaard aber nicht ein objektives, unabhängiges Äußeres. In einer anderen Hausarbeit habe ich Wirklichkeit bei Kierkegaard so beschrieben:
Wirklichkeit ist wie sich der Mensch als ‘Zwischenwesen’ (UN II: 32) zwischen Denken und Sein verhält; das ist aber nichts Äußerliches, es ist etwas Innerliches, das sich dann nur im Äußeren zeigt. (UN-MZ: 13)
Ich bin mir nicht sicher, ob das ganz im Sinne von Kierkegaard ist, aber für mich gibt es mindestens zwei wichtige Aspekte dieses Wirklichkeitsverständnisses, die sich nicht (nur) aus meiner Kierkegaardlektüre speisen: 1) dass sich (mit Kant) nicht die Erkenntnis nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände nach der Erkenntnis richten (vgl. dtv-Atlas: 137) und 2) dass sich (mit Helen E. Longino) einerseits jede Fragestellung bereits aus einem sozialen Kontext speist und dass es andererseits keine intellektuellen Praktiken in reiner Form gibt (vgl. SaSK: 219) – schon das (und jegliches) Beobachten selbst ist unrein.
Jetzt lässt sich, denke ich, verstehen, warum sich der folgende Satz aus der Abschließenden Unwissenschaftlichen Nachschrift meiner Ansicht nach gut in unsere Zeit transponieren und auf die langjährige Hoffnung der Umwelt- und Klimaaktivist:innen, dass die Wissenschaft die Weltgemeinschaft zu einer Handlung bewegen würde, anwenden lässt:
Was das Verhältnis des Subjekts zu der erkannten Wahrheit betrifft, so nimmt man an, daß es mit der Aneignung der Wahrheit, wenn nur erst das objektiv Wahre zuwege gebracht ist, eine Kleinigkeit ist, die man von selbst als Zugabe beim Kauf mitbekommt […].
Søren Aabye Kierkegaard (UN I: 18)
Nur weil das Individuum weiß, dass seine Essgewohnheiten, seine Mobilitätsansprüche, seine Konsummuster und vieles mehr angesichts der Umwelt- und Klimakrise problematisch sind, wird es nichts (oder zumindest zu wenig) an seinem Verhalten ändern; ja sogar, wenn es ihm – etwa in Gestalt von IPCC-Berichten – schwarz auf weiß, wissenschaftlich fundiert vorgelegt wird, ändert sich nichts. Denn die eigentliche Schwierigkeit ist die Aneignung der Wahrheit – und die unterschätzen wir systematisch. Kierkegaard geht sogar so weit, dass der Versuch, das objektiv Wahre zuwege zu bringen deshalb bereits eine Form der Verblendung ist. Vereinfacht ausgedrückt: Das Subjekt macht sich dabei vor, noch mehr Fakten würden das Problem lösen – und dem liegt ein falsches Wirklichkeitsverständnis zugrunde. Denn in Wirklichkeit bedürfte es einer (vermutlich unangenehmen) Entscheidung. Die Entscheidung ist aber keine objektive Kategorie und demnach werden auch keine objektiven Fakten – ob es sie gibt sei an dieser Stelle mal dahingestellt – sie herbeiführen (vgl. UN I: 119).
Welche Schlüsse zieht Kierkegaard also daraus? Er stellt die ethische Bewegung, die davon ausgeht, dass der Mensch aus sich selbst heraus in der Lage und Willens sei, gut zu handeln, auf den Kopf: Der Ausgangspunkt des Subjekts ist es, sich immer schon in der Unwahrheit zu befinden (vgl. UN I: 198) – mein Verständnis davon ist eben auch, dass es sich die Unreinheit seines Beobachtens und Fragestellens, ja sogar seines Denkens bewusst macht.
Dieser Standpunkt in der Unwahrheit gilt beispielsweise für die soziale Welt, in die es sich geworfen findet: Was man macht, was normal ist, kann dem Subjekt nicht dienen, um der Schuld zu entkommen.
Wenn sich etwa eine ganze Nation grausiger Verbrechen schuldig macht, werden die weltlichen Richter:innen aufgrund der Vielzahl an Verbrecher:innen nicht jede Einzelne, nicht jeden Einzelnen richten, sondern nur ein paar wenige führende Köpfe. Dies gilt natürlich nicht für die Ethik. Der ethische Richtspruch kann (und wird (so meine Vermutung)) genau darauf hinauslaufen: Allesamt werden schuldig gesprochen (vgl. KzT: 124 ff.). Jede und jeder Einzelne, der:die in Europa und den USA in den vergangenen Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt hat – nicht nur ‹die Mächtigen›, ‹die Reichen›, ‹die Entscheider›, die, ‹die was machen könnten und nichts machen› (Anspielung auf eine Line von Prezident in Was glaubt die Welt denn, wer sie ist?) – nein, jeder einzelne Macbook-Besitzer, jede einzelne Amazon-Einkäuferin, jeder, der zur privaten Altersvorsorge ein Aktiendepot aufgesetzt hat – alle: schuldig, schuldig, schuldig.
Das Subjekt hat also keinen Halt in der Welt – und muss sich, meines Verständnisses nach, im Rahmen der Negativen Ethik – das ist was Kierkegaard mit der Krankheit zum Tode vorschlägt – folgenden Ausgangspunkt eingestehen: Ich befinde mich in der Unwahrheit. In der Sprache der Krankheit zum Tode gesprochen: Das Individuum ist krank (ob es das nun weiß oder nicht ist für die Richtigkeit der Diagnose unerheblich), es kommt krank auf die Welt – und der Weg zur Genesung ist ein langer, beschwerlicher und – so es genesen will – unausweichlicher Leidensweg durch die Negativität (vgl. MZ-BA). Kierkegaard nennt diese Krankheit Verzweiflung und in der Krankheit zum Tode zeigt er der Leser:in verschiedene Formen der Verzweiflung auf.
Den Unterschied zwischen einer positiven und einer bzw. der Negativen Ethik drückt meines Erachtens Simone Weil in Schwerkraft und Gnade am besten aus:
Hinsichtlich der Tugendakte nur diejenigen leisten, denen man sich nicht entziehen kann, diejenigen, die man nicht nicht leisten kann; jedoch, indem man seine Aufmerksamkeit immer schärfer darauf richtet, beständig die Anzahl derer zu vermehren, die man nicht nicht leisten kann.
Simone Weil (SuG: 51)
Das Individuum handelt also nicht guten Gewissens richtig. Nein, die Schärfung des Bewusstseins führt dazu, dass man nicht anders kann als nicht die Handlung zu vollführen, die angesichts des geschärften moralischen Bewusstseins am wenigsten unerträglich ist.
Handlungswirksam wird die Negative Ethik also meines Verständnisses nach in ihrer doppelten Negation. So verstehe ich (ein wenig überspitzt dargestellt) Kierkegaards Antwort auf die Umwelt- und Klimakrise: Das Individuum steht meinetwegen vor einer von vielen alltäglichen ethischen Wahlen und bricht (und sei es auch nur innerlich) – durchdrungen vom Bewusstsein der eigenen – und jetzt erschleichen wir uns ein wenig Theologie – … Sündhaftigkeit zusammen. Es wird das tun, was es das Sündenbewusstsein nicht nicht geleistet haben können wird.
Was bisher Unwahrheit genannt wurde, zeigt sich jetzt als Sündhaftigkeit. Denn darin gipfelt der erste Teil der Krankheit zum Tode, welcher, wie dieser Essay bis vor wenigen Zeilen, im Wesentlichen ohne Theologie auskommt (vgl. A-KzT): Wenn die Einsicht in Unwahrheit zu sein zunächst ganz weltliche Züge annimmt, offenbart sich zuletzt die theologische Seite und mit ihr die Abgründigkeit des Ganzen: Die Erkenntnis in Unwahrheit zu beginnen wird zu der, aus sich selbst heraus nie zur Wahrheit kommen zu können. Wer so verkehrt beginnt, hat keine Hoffnung, irgendwann aus sich selbst heraus auf einen grünen Zweig, auf den Pfad der Wahrheit zu kommen. Wer so verkehrt beginnt, muss mehr und mehr verzweifeln. Das Subjekt ist angewiesen auf Rettung durch eine höhere Macht. Kurz: Ohne Gott ist es verloren.
Fazit und Kierkegaard 2026
Warum ist es der westlichen Welt also nicht gelungen, vorausschauend und gestaltend auf die sich über Jahrzehnte abgezeichnet habende ökologische Bedrohung zu reagieren?
Aus einer kierkegaard’schen Perspektive leuchtet mir die folgende Antwort ein:
Zum Einen hatten wir ein falsches Verständnis von Wirklichkeit, welches uns dazu verleitet hat, nur immer mehr objektive Gründe zu suchen, um Menschen zum Handeln zu bewegen.
Zum Anderen hatten wir damit auch eine falsche, eine naive Ethik, die meint, mit diesen guten Gründen, würden die Menschen sich dann schon für das Richtige entscheiden – und sich auch unbequeme Wahrheiten aneignen: Denn im Grunde wolle jede:r Einzelne von uns das gute Leben für alle. Kierkegaard hingegen geht davon aus, dass wir alle bereits Sünder:innen sind. Aus dieser Perspektive liegt auf der Hand, dass die Ideologie, die eigeninteressierte Individuen annimmt und meint, diese mithilfe von Marktmechanismen so zusammenführen zu können, dass sie das Gemeinwohl erhöhen, mehr ausrichten wird, als wenn man von vernünftigen, gutwilligen Menschen ausgeht. Sie liegt näher an dem, was Kierkegaard als wirklich annahm (die Sündhaftigkeit). Dass mittels dieser Ideologie aber keine gute Welt, keine Welt, der die Individuen von Herzen zustimmen können, geschaffen wird, überrascht nicht. Dieser Ideologie fehlt, was bei Kierkegaard mit der Annahme der Sünde kommt: die Möglichkeit zur Erlösung für diejenigen, die sich ihre Sündhaftigkeit bewusst machen.
Und zuletzt: Was hat uns Kierkegaard aus meiner Perspektive im Jahr 2026 noch zu sagen?
Obwohl sie in ihren theologischen Grundannahmen heute etwas aus der Zeit gefallen wirken mag, überzeugt mich an Kierkegaards Darstellung, dass sie meiner Gegebenheit einer unausweichlichen Schuld, die mir im 21. Jahrhundert nicht nur für mich vorhanden scheint, besser gerecht wird als ein kategorischer oder ökologischer Imperativ, wo es prinzipiell möglich scheint richtig zu handeln. Denn: Ich wüsste nicht wie. Was wenn alle Optionen, aus denen ich wählen kann, moralisch nicht vertretbar sind?
Mich überzeugt – und ich bin mir nicht sicher, ob ich schreiben sollte ‘selbst noch’ oder ‘insbesondere’ – in ihrer theologischen Fassung seine Diagnose, dass es ein mangelndes Sündenbewusstsein ist, das zu vielen unserer Probleme führt. Mir scheint, dem Individuum täte, mehr Skepsis gegenüber sich selbst und seiner hehren Motive oder der Angemessenheit seiner Handlungen gut. Die Diagnose eines mangelnden Sündenbewusstseins ist für mich insofern treffend, als die Sündhaftigkeit des in die Welt gesetzten Individuums nicht vom Individuum selbst verschuldet ist; es sich aber nichtsdestotrotz von Beginn an schuldig macht – es könnte anders, doch trägt es dazu bei, die Welt, wenn nicht unerträglich, so zumindest schwerer erträglich zu machen, als sie sein könnte. In ihrer Theologizität kann ich diese Position aber nicht begründen.
Am problematischsten ist für mich die These, die ich impliziert habe: Dass das Sündenbewusstsein dann, anders als eine kantische Ethik, handlungswirksam werden würde. Mein Eindruck ist zum Einen, dass die Sündhaftigkeit vorausgesetzt wird, leicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann und zum Anderen, dass starke Ausprägungen eines Sünden- oder Schuldbewusstseins häufig schlicht zu Resignation, Abkehr, Rückzug, nicht zur Handlung führen. Für Kierkegaard wäre Letzteres, so scheint es mir, aber wohl wieder nur eine Form der Verzweiflung, durch die das Individuum gehen muss, um zum nicht-naiven Glauben kommen zu können. Aus meiner Perspektive mag es einem angesichts der Umwelt- und Klimakrise zurecht schwerer und schwerer fallen, die Welt als affirmierbar zu erfahren; man mag sich fragen: Ist es wirklich Sünde, an dieser Welt, an einer Welt, die wir sehenden Auges zugrunde richten, zu zerbrechen? Doch Kierkegaards Antwort scheint mir „Ja.“ zu sein – „Auch an dieser Welt zu zerbrechen ist Sünde.“
Literatur- und Siglenverzeichnis
Viel zu viele Quellen für einen Essay. Wichtig sind KzT, UN I und UN II – vielleicht noch UH.
| Sigle | Bibliografische Angabe |
|---|---|
| A-KzT | Joachim Ringleben. (1997). Zur Aufbaulogik der Krankheit zum Tode. In: Kierkegaard Studies Yearbook 1997, 1: 100 – 116. |
| BA | Søren Aabye Kierkegaard. (1844). Begrebet Angest. [Der Begriff der Angst. (2005, 8. Auflage 2019). Übers.: Rosemarie Lögstrup. Hrsg.: Hermann Diem & Walter Rest. Dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG: München.] |
| BA-MZ | Marco Zander. (2024, nicht veröffentlicht). Die Krankheit zum Tode als zweite Ethik. |
| dtv-Atlas | Peter Kunzmann, Franz-Peter Burkard. (1991, 17. Auflage 2017). dtv-Atlas Philosophie. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG: München. |
| KzT | Søren Aabye Kierkegaard. (1849). Sygdommen til Døden. [Die Krankheit zum Tode. (2004). Übers.: Emanuel Hirsch. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.] |
| PV | Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. (2025). Seite „Das Prinzip Verantwortung“. Bearbeitungsstand: 5. September 2025, 05:30 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Das_Prinzip_Verantwortung&oldid=259477102 (Zuletzt abgerufen: 1. Dezember 2025) |
| SaSK | Helen E. Longino. (1990). Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. New Jersey: Princeton University Press. |
| SuG | Simone Weil. (1947). La pesanteur et la grâce. [Schwerkraft und Gnade. (2021, 2. Auflage 2021). Übers.: Frank Witzel, Friedhelm Kemp & Charlotte O. Bohn. Matthes & Seitz: Berlin.] |
| SZ | Ingolfur Blühdorn (2024). Soziologische Zeitenwende. Aufbruch aus der öko-emanzipatorischen Komfortzone. IGN-Interventions Juni. INSTITUT FÜR GESELLSCHAFTSWANDEL UND NACHHALTIGKEIT (IGN): Wirtschaftsuniversität Wien, Austria. Online verfügbar unter: http://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/d/i/ign/IGN_Interventions_Jun_2024.pdf |
| UH | Ingolfur Blühdorn (2024). Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp Verlag AG: Berlin. |
| UN I | Søren Aabye Kierkegaard. (1846). Afsluttende uvidenskabelig Efterskrift til de philosophiske Smuler. [Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken, Erster Band. (2003). Übers.: Hans Martin Junghans. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.] |
| UN II | Søren Aabye Kierkegaard. (1846). Afsluttende uvidenskabelig Efterskrift til de philosophiske Smuler. [Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken, Zweiter Band. (2003). Übers.: Hans Martin Junghans. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.] |
| UN-MZ | Marco Zander. (2024, nicht veröffentlicht). Was kann der:die Einzelne von der UN hinsichtlich des Anerkennens des Problems der Umwelt- und Klimakrise lernen? |
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| ‹ › (einfache französische Anführungszeichen) | – bewusste Verwendung stereotyper Konstruktionen bzw. – wissenschaftlich unübliche Bezeichnungen, Umgangssprache | ‹die Reichen›, ‹harte Fakten› |
| Kursivschrift | – Titel und Werksnamen oder – wichtig, von eine:r Autor:in so verwendet, (i.d.R. nur bei Erstverwendung) | Krankheit zum Tode, autonomes Subjekt |
| Fettschrift | – halte ich für einen wichtigen Punkt im Text | Dass das Sündenbewusstsein dann, anders als eine kantische Ethik, handlungswirksam werden würde. |
| Unterstrichen | – Betonung, Fokus auf ein einzelnes Wort | diese Welt |
Kommentare von Marco Zander