Gedanken im Anschluss an das Seminar: „Kierkegaard: abschließende unwissenschaftliche Nachschrift“ im WS 24/25 und ein experimenteller Versuch, sich die Aufgabe vor Augen zu führen


Aus dem Schoß wird das Menschentier auf die Bühne Welt gerissen. Auch, wenn der Zeitpunkt nicht wesentlich ist, treten spätestens hier zwei Kategorien auf: Angenehm und Unangenehm. Unangenehm wird vorstellig. Er deutet auf das Zurückliegende und spricht: „Das war Angenehm.“ – und das Gegenüber beginnt zu schreien.

Für den anwesenden Arzt ist das Routine. Die Eltern haben – mag sein: aus unterschiedlichen Gründen – Tränen in den Augen und die Zuschauer:innen zucken verschreckt zusammen, als es aus der Lautsprecheranlage dröhnt: „Willkommen in der Welt, Neugeborenes.“ Dann bricht alles zusammen: „Um im Zeitraffer zum nächsten Moment springen zu können“, so denken zumindest die Zuschauer:innen.

Wollte man den falschen Ausgangspunkt: R = A, das Relative ist das Absolute, als Auftakt zu einem Bühnenstück ausdrücken, dann könnte man es mit dieser Szene versuchen.

Während sich die Zuschauer:innen beflissen den Umbau ignorierend noch gegenseitig versichern, dass dieses Schreien ja helfe, die Atemwege vom Fruchtwasser zu befreien, lässt der für unsere Zwecke nächste erwähnenswerte Moment etwas auf sich warten. Es ist nicht das Pflanzen eines Baumes, der Hausbau oder die neuerliche Geburt eines Kindes, sondern es ist, als diese Bühne des Angenehmen und Unangenehmen mit ihren klaren Regeln und Zielen zu flackern beginnt. Jaja, alle dachten es wäre der Umbau – doch dann lässt sich die Resignation ihr metaphysisches Recht nicht nehmen und macht: „Ach.“, durchwirkt damit alles, braucht noch nicht einmal ein Wort dafür, nur ein Seufzen, das nachhallend immer tiefer in diese Bühne einsickert, sie verfärbt – bis sie viel zu früh ergraut, Falten kriegt, verwelkt, zerfällt.

Angeleitet von diesem „Ach.“ neigen viele von jenen, die nicht mit Taubheit geschlagen sind, dazu in Büchern zu stöbern. Vor allem die Zuschauer:innen müssen nun daran denken, wie sie in Büchern stöberten – „Ach“, wie sie damals Camus gelesen haben. Es ist die Suche danach, doch noch etwas von Bedeutung zu finden. Jetzt nicht mehr die Suche eines ‚Neugeborenen‘, sondern die Suche von etwas, von dem man behauptet, es sei wesentlich durch ‚Geist‘ bestimmt. (Das ehemals Neugeborene kennt diesen Begriff noch nicht als Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält (vgl. KzT: 8) – es hat ja erst angefangen, sich in die Resignation zu versenken. Doch es ist noch jung, liest Bücher, zieht sich zurück, resigniert und vor allem: sie sind im Theater – und so schreiben die belesenen Zuschauer:innen, die den Begriff natürlich in ihrem Repertoire haben, es ihm einfach zu: fortan nennt man ihn Geist.) Und während die Zuschauer:innen also in Gedanken lesen, noch einmal jung sind und der Geist vor ihnen sitzend eben auch liest, tut sich Riss um Riss in der Bühne auf und der Ruf nach dem Verschlag macht sich in jenem Einzelnen, dem Geist breit: ein Raum, nur für einen selbst, abgetrennt vom Rest der Welt – wenn nicht durch Klostermauern, so doch wenigstens durch Bretter. Ja, das wärs! Die Sehnsucht der Klosterbewegung, d.i.: sich leidenschaftlich dem Entsagen widmen zu können, tritt auf. Sie verlangt von einem, sich in das Absolute, in das, was noch Bedeutung hat, wenn alles Irdische als eitel durchschaut wurde, zu vertiefen. Endlich! Ihr Bestreben: eine Askese so total wie das, was als Reaktion auf einen aus Verzweiflung getätigten atomaren Vernichtungsschlag der Unterliegenden; das, was als Reaktion auf die Raketen, die sich nun in der Luft befinden – das also, was als Reaktion von der anderen, der übermächtigen Partei, von den Triumphatoren angeleitet wird – so total soll die Askese sein. Die Sehnsucht der Klosterbewegung verlangt von einem den Rückzug aus allem, was man Welt nennt. In einer Zeit, die nicht die der Zuschauer:innen ist, mochte dieser Rückzug vielleicht als Mönch getätigt werden, doch das ist aus der Mode gekommen; so flieht es sich heute eben dorthin, wo diejenigen, die hier nicht nur, um am Montag etwas zu berichten zu haben sitzen, sind, wenn sie Musik hören (vgl. WF: 294 ff.).

Aber „Halt!“, es stand doch der absoluten Untergang an. Also: ein Blitz, dann der Pilz – alles, was unser ehemals Neugeborenes mal Welt genannt hat, ist vernichtet.

Und so nimmt das Stück seine nächste Windung. Mehr erinnert diese an die Windungen der Gedärme als an die Windungen von Alpenstraßen; als aus der Moskauer Metro ein Wesen aufsteigt: „Der Widerspruch, das Absolute auf diese Weise äußerlich zu nehmen.“ nennt es sich und dämmert damit dem noch immer treu suchenden über den Globus verstreuten Überbleibseln eines Geistes, der nun, wie könnte es anders sein, unbestimmt ist – immerhin hat er ernsthafte Schwierigkeiten, sich mit diesem ehemals Neugeborene, das man ihm versichert gewesen zu sein, zu identifizieren. (Übrigens: ein Geist wird auf der Bühne nun in Ermangelung besserer Mittel gänzlich unpassend als Konfettiregen wild beschmierter Fetzen, die an Lose erinnern, dargestellt. Dazwischen steht das Gedärm, die neuerliche Windung des Stücks, beschienen vom sakralen Licht der Unterwelt-Bahn.)

„Das Absolute als Entsagung … ja, beinahe, … zur Schau zu stellen“, beginnt also ein Geist, um sich zu sammeln und die Windung verständlich zu machen. Er setzt nochmal neu an: „Das Absolute als Äußerliches den Augen der anderen feilzubieten wie eine prall gefüllte Tombola auf dem Jahrmarkt … das ist … Frevel!“, denkt er sich. In Fettdruck erscheint es über der Bühne: FREVEL, damit es auch die Zuschauer:innen verstehen. „Frevel …“, raunen sie: „Frevel …“. Wieder ein Geist: „Und relativ, nimmt man das Relative damit ja auch nicht – man entzieht sich ihm ja gänzlich, das kann doch auch nicht heißen, es relativ zu nehmen.“ Er ist jetzt nicht mehr nur ein wenig verzweifelt. … Eine aufmerksame Zuschauerin bemerkt es: Irgendetwas ist anders an den Fetzen, die ein Geist sind. Sie wirken … zutiefst, ja dämonisch-komisch verzweifelt. (Nicht, dass es irgendeine Interaktion zwischen Publikum und ein Geist geben sollte (dies wird in Kürze erläutert), doch: Die Zuschauerin pustet – in der Hoffnung, dass das Dämonische so überkippt und ein Geist zum Absoluten findet.)

Währenddessen ist die Zeit für ein Geist natürlich nicht stehengeblieben. Er hat sich bestärkt: „Nein, mit der totalen Entsagung nimmt man das Relative ja auch nicht relativ. Stattdessen, wie heißt es nicht in der Überschrift, ist die Aufgabe A = A zu nehmen, das Absolute absolut zu nehmen – und zwar beständig, nicht indem man sich allem Relativen entzieht, sondern während man sich relativ zu den Zwecken in der Welt verhält: in Gesellschaft, gemäß der sozialen Position, den Fähigkeiten – seien sie nun in die Wiege gelegt oder errungen. Während des Engagements des Professors in seiner Kirche, während der König das Zepter ausstreckt, während die Richterin ihr Urteil fällt, während all dem soll die Resignation jeden Schritt prüfen, jeden Atem- und Gedankenzug – und das Absolute soll eingeübt werden. – Erhalte ich so die Welt vielleicht sogar zurück?“, fragt sich ein Geist.

Und da tritt aus der Asche der Welt (nicht aus der Moskauer Metro) ein, wie man munkelt, Toter. Er spricht: „Durchlebe du nun, angestrengt wie kein anderer, das Menschliche; arbeite so, daß die Hälfte davon genug sein würde, ein ganzes zeitgenössisches Geschlecht umzuschaffen, aber du und ich, wir sind uns darüber einig, daß dein ganzes Streben gar keine Bedeutung für einen anderen Menschen haben soll; und dennoch sollst du – verstehst du, du sollst – das Ethische wollen, und du sollst – verstehst du, du sollst – begeistert sein, weil dies das Höchste ist.“ (UN I: 126 ff.) Und ist der Geist … – wenn auch noch ein wenig durch den Wind, so fällt es ihm nun, nach dieser direkten Ansprache, doch wieder zu, sich zu bestimmen … also: … ist dieser Geist bereit, diese, seine Aufgabe anzunehmen, so tritt an Stelle des lärmenden Schreis eines Neugeborenen jetzt das unsichtbare und lautlose Einatmen der Stille – wie es einem Wiedergeborenen nach dem Absterben alles Verkehrten gemäß wäre.

Den Zuschauer:innen bleibt dies jedoch verborgen – allen … bis auf einer. Immerhin sind sie Publikum. Da muss es ihnen verborgen bleiben. Stattdessen fragen sie sich, ob der Stille, die auf der Bühne nun herrscht: „Na, soll es das nun gewesen sein?“ Nur der einen (man erinnert sich) wurde einer der wild beschmierten Fetzen zugeweht. Womöglich hat gerade ihr Pusten … in jedem Fall: Sie öffnet das Los und liest nur für sich: „Eine in Wahrheit große ethische Individualität würde ihr Leben so verwirklichen: sie würde sich selbst mit äußerster Kraft entwickeln; hierbei würde sie vielleicht große Wirkung im Äußeren hervorbringen; aber dies würde sie überhaupt nicht beschäftigen, weil sie weiß, daß das Äußere nicht in ihrer Macht steht und daher nichts zu bedeuten hat, weder pro noch contra. Sie würde daher unwissend darüber bleiben wollen, um nicht vom Äußeren aufgehalten zu werden und in dessen Versuchung zu fallen.“ (UN I: 125) „Ich soll …“, denkt sich die Einzelne, „Ich soll …“, wiederholt sie und stolpert darüber, dass sie unwissend darüber bleiben wollen soll, ja, dass sie … wollen soll.

Währenddessen rätselt das Publikum noch immer darüber, ob es jetzt vorbei ist.

Doch Einzelne sind sie ja eigentlich alle, das gesamte Publikum, jede:r ist Einzelne:r. Und so ist das Theater heutzutage in weisem, ehrenswerten und zu begrüßenden Bemühen anders als die Philosoph:innen des 20. Jahrhunderts bestrebt, zugänglich zu sein. Also erfolgt noch eine letzte Lautsprecher-Durchsage: „Dies ist das Ende, werte Zuschauer:innen. Gebildete, Belesene, Kunstinteressierte, die Sie sind, verstehen Sie natürlich, dass dies nicht das Ende der Aufgabe sein kann. Diese Aufgabe – wie sie sich selbstredend erinnern, lautet sie: sich relativ zum Relativen und absolut zum Absoluten zu verhalten – diese Aufgabe also: endet … nie. Sie ist ja gerade so bemessen, dass sie für das ganze Leben reicht. Was endet, ist dieses experimentelle Stück, welches sich, wie sie sicher bereits durchschaut haben (und weshalb sie ohnehin bereits vorhatten, sich die nun zu hörenden Fragen mit auf den Heimweg zu nehmen), den folgenden Ausgangspunkt genommen hatte: Was wäre, wenn der Mensch, der arme Sünder, sich in einer von Grund auf verkehrten Ausgangslage befände? Wenn der:die Erkennende wesentlich nicht unverderbt, sondern … ja wenn er:sie verderbt wie ein Stück rohes Fleisch, welches bei sommerlichen Temperaturen einige Tage draußen, wo die Fliegen sich dran gütlich tuen können, liegt; ja wenn der:die Erkennende so verderbt wie eben jenes Stück Fleisch ist.“ Die Zuschauer:innen haben einige Maden, die sich im Fleisch drehen und winden, vor Augen. Es stinkt. Kurz hatte die Durchsage pausiert, um gerade Raum für dieses Werk der Vorstellungskraft zu lassen. Dann: „Ja, was wäre, wenn der:die Erkennende das Relative absolut nähme – und was wäre, wenn er:sie sich das zudem bewusst machen könnte? Ja, was hätte das nur für eine ungeheuerlich große Aufgabe zur Folge? Was wäre dann?“, wieder eine kurze Pause, „So viel sei also noch gesagt: Es freut uns, die Theaterbetreibenden – es freut uns, ein Publikum zu haben, dass sich bereits vorgenommen hatte, sich diese Fragen mit auf den Heimweg zu nehmen. Es freut uns außerordentlich. Es freut uns.“

Und daraufhin klatschen die Zuschauer:innen. Bald verlassen sie den Raum. „Was ein interessantes Bühnenstück!“ hört man einige von ihnen sagen. „Und die Metapher mit dem Stück Fleisch!“


Literatur- und Siglenverzeichnis

KzTKierkegaard, Søren Aabye. (1849). Sygdommen til Døden.

[Die Krankheit zum Tode. (2004). Übers.: Emanuel Hirsch. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.]
UN I Kierkegaard, Søren Aabye. (1846). Afsluttende uvidenskabelig Efterskrift til de philosophiske Smuler.

[Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philosophischen Brocken, Erster Band. (2003). Übers.: Hans Martin Junghans. Grevenberg Verlag Dr. Ruff & Co. OHG: Simmerath.]
WFSloterdijk, Peter. (1993, 10. Auflage 2013). Weltfremdheit. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main.