Ich möchte in aller Kürze, als Beispiel dafür, inwiefern Überzeugungen in Bezug auf soziale Phänomene Veränderungen in der sozialen Welt bewirken die norm of self-interest (Norm des Eigeninteresses) nennen. In seinem Paper von 1999 geht Miller auf die Rolle des Motivs des Eigeninteresses in den Wirtschaftswissenschaften und im Alltag ein. Die Zusammenfassung der Frank et al. Studie von 1993 aus dem Paper zur Frage, ob das Motiv des Eigeninteresses gelernt werden kann, ist mir besonders in Erinnerung geblieben: 

Die von Frank et al. (1993) gestellte Frage lautete wie folgt: Beeinflusst es die Macht, die das Eigeninteresse ihrer Meinung nach über ihr eigenes Leben und das der anderen hat oder zumindest haben sollte, wenn man Student:innen mit den Grundsätzen und Erkenntnissen der Rational-Choice-Theorie vertraut macht? Die Forscher:innen untersuchten diese Frage, indem sie die Antworten der Student:innen zu Beginn und am Ende des Semesters auf zwei ethische Dilemmas bewerteten (“Würden Sie einen verlorenen Umschlag mit 100 Dollar zurückgeben?” und “Würden Sie einen Rechnungsfehler melden, der Ihnen zugute kommt?”). Die Student:innen gehörten zu einer von zwei verschiedenen Mikroökonomie-Klassen oder zu einer Klasse, die nichts mit Wirtschaft zu tun hatte (Astronomie). Eine der Wirtschaftsklassen wurde von einem Dozenten unterrichtet, der sich auf Spieltheorie spezialisiert hatte (ein Gebiet, in dem Eigeninteresse axiomatisch ist), die andere von einem Dozenten, der sich auf die wirtschaftliche Entwicklung im maoistischen China spezialisiert hatte. Die Ergebnisse bestätigten die Hypothese, dass das Studium der Wirtschaftswissenschaften das Eigeninteresse fördern kann. Im Laufe des Semesters nahmen die Antworten der Student:innen in der Klasse des Spieltheoretikers in Bezug auf das Eigeninteresse stärker zu als die der Student:innen in der Klasse des anderen Ökonomen; die Antworten der letzteren Student:innen wiederum nahmen in Bezug auf das Eigeninteresse stärker zu als die der Student:innen in der Klasse des Kontrollprofessors (Astronomie). Ähnliche Veränderungen ergaben sich bei der Bewertung der Erwartungen der Student:innen an das Verhalten der Durchschnittsperson. 

Das wichtigste Ergebnis von Frank et al. (1993) für die vorliegende Analyse ist, dass die Erfahrung, einen Kurs in Mikroökonomie zu belegen, tatsächlich die Vorstellungen der Student:innen von der Angemessenheit eigennützigen Handelns verändert hat, nicht nur ihre Definition von Eigeninteresse. [… Offenbar kamen die Teilnehmer:innen] zu der Überzeugung, dass es nicht nur im eigenen Interesse liegt, einen günstigen Abrechnungsfehler nicht zu melden, sondern dass es auch rational und angemessen ist, dies zu tun, egal wie schuldig man sich dabei fühlt.

Miller 1999 (S. 1055 – im Original Englisch)

Auf diesen Sachverhalt bin ich zum ersten Mal in meinem BWL-Master gestoßen, in einem Spezialisierungsfach. Auch, wenn es schon eine Weile her ist, war das lange, lange nach 1999 bzw. 1993. Ich fand es damals und finde es heute unverantwortlich, dass das nicht beispielsweise in Mikroökonomie im Bachelor oder in all den anderen Fächern, bei denen die Annahme des Eigeninteresses zentral ist, ernsthaft problematisiert wurde. 

Im weiteren Verlauf des Papers geht Miller darauf ein, inwiefern diese Norm des Eigeninteresses auch für den Laien/ die Laiin immer selbstverständlicher wird. 

Marco

Literaturverzeichnis

  • Miller, D. T. (1999). The norm of self-interest. American Psychologist, 54(12), 1053.
  • Frank, R. H., Gilovich, T., & Regan, D. T. (1993). Does studying economics inhibit cooperation?. Journal of economic perspectives, 7(2), 159-171.

Ungekürztes Original: 

“The specific question addressed by Frank et al. (1993) was this: Does exposing college students to the precepts and findings of rational choice theory influence the power they perceive self-interest has, or at least should have, over their own lives and that of the average other? The researchers examined this question by assessing students’ responses at both the beginning and end of the semester to two ethical dilemmas (“Would you return a lost envelope with $100 in it?” and “Would you report a billing error that benefited you?”). Students were members of one of two different microeconomics classes or of a class unrelated to economics (astronomy). Of the economics classes, one was taught by an instructor who specialized in game theory (a field in which self-interest is axiomatic), the other, by an instructor who specialized in economic development in Maoist China. The results supported the hypothesis that studying economics can foster self-interest. Over the course of the semester, the responses of students in the game theorist’s class increased in self-interest more than did those of students in the other economist’s class; these latter students’ responses, in turn, increased more in self-interest than did those of students in the control (astronomy) professor’s class. Similar changes emerged on measures assessing students’ expectations of the actions of the average person. 

The most significant finding of Frank et al. (1993) for the present analysis is that the experience of taking a course in microeconomics actually altered students’ conceptions of the appropriateness of acting in a self-interested manner, not merely their definition of self-interest. Instruction in economics, it would appear, does not make cynics out of students by persuading them that the motivation behind people’s actions, whatever it appears to be, is inevitably self-interest. Frank et al.’s (1993) participants did not emerge from Economics 101 believing that it actually is in one’s self-interest to report a favorable billing error because, for example, it preempts guilt or fosters a reputation for honesty. Rather, they emerged apparently believing that not reporting a favorable billing error, in addition to being self-interested, is also the rational and appropriate action to take, however guilty one feels doing so.” (1999: 1055)