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Es ist etwas geschehen.
Bin vor meine Haustüre gegangen.
Hab’ dort ein schönes Mädchen getroffen.
Meinte zu ihr: “Hey, schönes Mädchen: Willst du mit mir zusammen sein?”
Da hat sie gelacht. Meinte: “Hahaha… Ich kenn’ dich doch gar nicht.”
Die Erwiderung darauf: “Bin manchmal etwas schwierig, aber sind wir das nicht alle?” Sie lacht nur, erwidert nichts. … Warten … Nachdem nichts kommt, meint sie: “Lass uns doch erstmal gemeinsam einen Kaffee trinken gehen.” “Nun gut. Bist du wohl etwas altmodisch, aber ok: daran werde ich mich nicht stören.”


Weißt du was? Und — um ehrlich zu sein — hat mir das erst letztens eine Meerjungfrau erzählt. Es gibt nicht viel Bedeutsameres als dieses Treffen, für das es keinen Grund braucht. Fällt es aus, trifft es einen nicht schlagartig, sondern macht nur auf einer tieferen Ebene traurig, nicht so, dass es unerträglich wäre, nicht so, dass man sich erlauben würde, traurig zu sein. Man spürt es nur auf der Ebene, auf der es ein bedeutsamer Moment gewesen wäre. Weißt du was? Und — um ehrlich zu sein — hat mir das erst letztens ein 14-Jähriger erzählt. Es gibt so ein paar Wahrheiten, die nie erklärt werden müssen. Es gibt nicht viele wertvollere Stunden, als die, in denen wir uns — du und ich — kennenlernen, nochmal kennenlernen oder anders kennenlernen. Und weißt du was? Ich dachte, all das wäre nicht wichtig. Aber: Wem erzähl’ ich das? Du hast es ja immer gesagt. Nicht?


Ich sag dir jetzt mal, was nicht funktioniert: Den Grundstein für das Anziehende auf lange Frist im überraschenden Element zu suchen. Du kannst nicht erwarten, dass dich jemand dauerhaft überrascht, wo soll denn die ganze Überraschung herkommen? Nein, so funktioniert das nicht. So funktioniert das nicht. Sowas funktioniert garantiert nicht. Aber — vielleicht muss es das ja gar nicht, vielleicht kann es einfach sein. Ohne dabei feste Verbunde einzelner Elemente einander zuzuordnen, stattdessen könnte es ja einfach nur sein. Wäre das nicht möglich? Wenn doch gelernt werden muss, dass uns niemals ein anderer Mensch ganz verstehen kann, weil er sich und wir uns verändern, wieso sollte dann nicht ein und der selbe Mensch immer wieder aufs Neue überraschen können? Es funktioniert nicht, wenn man uns als feste Verbunde einzelner Elemente sieht, aber vielleicht kann es sein, weil es veränderbar und immer in Bewegung ist.


Er deutet auf den Aufkleber. “Die Tür ist defekt.” “Oh — achso.” Sie dreht sich um und geht. … Blicke kreuzen sich. Sie geht. Nein; nicht das Mädchen an der Tür, sondern sie. Das Mädchen im Abteil; sie, mit der man Blicke austauschte. Sie geht links, er geht rechts. Wäre sie rechts gegangen, dann hätte er sie gefragt, ob sie Ilona heißt. Verneint sie, hätte er sie gefragt, ob sie denn nicht wenigstens Jura studiere. Nein? Dann wäre es ernst geworden: “Warum nicht?” … Aber sie ist links gegangen, einfach weggegangen mit dem dezenten dunklen Nagellack, dem Pulli, der nicht preisgibt, was die Fesseln zeigen, und dem Ring, der unterstreicht, was der Nagellack schon andeutete. Denn er schenkt ihr Rosen und für den Moment genügt er. — Ach, Ilona.


Wach auf! Du wirst keine erfolgreiche Frau, wenn du nicht auch nach ihren Regeln spielst. Vielleicht kannst du dann irgendwann mal deine Regeln machen; vielleicht kannst du dann irgendwann mal Familienmensch sein oder du findest später mal einen Familienmensch; aber solange musst du ein paar einfache Regeln befolgen. Bis dahin hilft es dir nichts, zuhause zu sitzen und dir Märchenprinzen auszumalen. Geh’ raus und entdeck’ die Welt, probier’ alles aus und mach’ mehr, als er von dir erwartet hätte. Zeig’s ihm. Denn: Niemand will ein Rapunzel, das in ihrem Turm versauert; niemand wird Dornröschen aufwecken. Wenn ich nicht bereit gewesen wäre, ein paar Jahre zu opfern, wäre ich nie dahin gekommen, wo ich jetzt bin. Es gibt da draußen unzählige Mädchen mit gerader Nase und vornehmen Benehmen, die bereit sind zu tun, während du noch zögerst. Du kannst dich nicht auf deine Schönheit verlassen. Sie verblüht. Du bist noch jung, jetzt kannst du arbeiten. Siehst du nicht, dass wir alle in den sauren Apfel beißen mussten? Das ist der einzige Weg und es ist für alle das gleiche Spiel. Wenn du mitspielen willst, dann musst du bereit sein, dich auch mal dreckig zu machen. Du kannst nicht nur Hände schütteln und hoffen. Tu es! Mach den Kopf aus und tu es. Das ist dein Schicksal, wenn du als attraktive Frau erfolgreich werden willst. Denk’ nicht weiter drüber nach. Denke nicht was, warum oder wohin das führt. Andere Ideen sind nur Kindheitsträume, Ersatzreligionen oder Romantisierungen, die über Bord geworfen werden müssen, wenn du deinen Weg machen willst.


Wir? Wir haben uns auf der Frauentoilette kennengelernt. … Ich dachte, sie wäre so eine typische Karrierefrau. Dann haben wir uns, auf dem Weg die Treppen runter, gut verstanden und unten an der U-Bahn passten wir nicht mehr in den vollen Wagon. Als der Mann hinter uns dann meinte “Ach… ist ja kein Problem, in zwei Minuten kommt schon die nächste.”, ist ihr kaum vernehmbar — wir zwei, vielleicht noch der Mann hinter uns, haben es gehört — herausgerutscht: “Ja… mit einer so netten Begleitun — ” Das G hat sie verschluckt, als ihr klar wurde, dass das noch nicht angebracht ist. Das hat mich überrascht. Von so einer schönen Frau? Dazu das zarte Erröten der Wangen; der schüchterne Blick aus der dicken Winterjacke, ihr Verlegenheitslächeln und die braunen Augen, die stumm “Findest du doch auch… oder?” fragten. … Ja, fand ich auch.


Wohin die Reise geht? Weg. Raus aus dieser Welt, rein in eine, in der verstanden wurde, dass die wichtigste, die alles entscheidende Frage ist:
“Was hörst du eigentlich für Musik?”