Das Leben war nie einfacher 🙂

 
Foto von Patrick Baum auf Unsplash

Vor allem wir — kontinuierlich an uns arbeitenden — finden uns nach Wochen, Monaten, Jahren gerne frustriert wieder: So viel Zeit und Energie investiert und das Wissen beraubt uns unvernünftiger Möglichkeiten. Möglichkeiten, die uns “damals” noch offen standen. Möglichkeiten, die wir heute vermissen. Heute, wo uns “Verlernen, nicht mehr nachzudenken”, als “Erwachsen werden” verkauft wird.

Das Loslassen. Der unbedachte Kuss, der befreite Abend. Die Kratzspuren, das Morgen-morgen-sein-lassen, das sprachlos “[…] aber diese Magie […]”-Sagen. … Unvernünftig? – Es wird wieder vor Wänden gestanden.

Damals war das noch anders: weniger kompliziert. Unwissenheit als Segen. Die schöne Vergangenheit mit der Illusion, nicht verantwortlich zu sein. Heute die Verantwortung als Last. Verlockende blaue Pille.

Und der Kopf schreit:

JA! JA! JA! Mein unglückliches heutiges Ich! Ich armes Ding. Du naives, glückliches früheres Ich! Früher war alles besser. Alles einfacher. Take me back!”


Hast du jemals Tagebuch geführt? Aufgeschrieben, wie du dich gefühlt hast? Schau dir deine alten Aufzeichnungen von damals an. Dann kannst du dir das Lesen, dieses Artikels sparen. Du lernst damit vermutlich mehr, weil es dich spezifischer anspricht. Ansonsten: Das Leben war nie einfacher.

Dazu nochmal zurück zur Ausgangsposition: Auch nach all der investierten Energie, fühlst du dich in diesem Moment “ratlos. Etwas fassungslos. Und garantiert: verständnislos. Was war passiert?”* Dann blickst du zurück auf die letzten Monate. Siehst all die Arbeit. Sie wirkt sinnlos. Macht der Blick zurück das Gefühl noch schlimmer? Du fühlst dich machtlos.

Ich habe doch alles getan, sehe nicht, wie ich noch mehr tun könnte… trotzdem … so viele Fragen…Wie dann?“ – Wieder: die Wand.

Da helfen dir deine alten Aufzeichnungen: Du siehst, das Gefühl war damals nicht weniger intensiv, obwohl du weniger Energie in irgendwas gesteckt hattest.

Man meint zwar, der Blick zurück, würde es schlimmer machen. Aber das ist ein Trugschluss. Die gleichen Gefühle können von unterschiedlichen Problemstellungen ausgelöst werden. Heute heißt die Frage vielleicht: “Solltest du dich selbstständig machen, gar ein Unternehmen gründen?”, gestern hieß sie womöglich, “Warum muss ich immer an sie denken?”. Die erste Frage ist heute präsenter und wirkt folgeschwerer. Sie ist dir gerade wichtiger als die zweite Frage, aber sie ist deswegen nicht wichtiger, als die alte Frage damals war.

Eine Fragestellung wird erst durch ihren Kontext wichtig. Keine der beiden Fragestellungen ist objektiv wichtiger. Heute hast du natürlich eine — ach so — erwachsene Frage parat. Aber: Es bleibt das gleiche Gefühl. Das ist ja auch, was die Sache so frustrierend macht: Wieder auf das gleiche Gefühl zu stoßen, wie noch vor Jahren. Einerseits hast du heute mehr “Tools”, um damit umzugehen. Weißt, dass es vorbeigeht. Andererseits hast du all die Arbeit getan und siehst dich wieder dem Gefühl gegenüber.

Die schlechte Nachricht: Du wirst ihm noch einige Male begegnen.
Die gute Nachricht: Die Tatsache, dass es das Gefühl noch immer gibt, bedeutet nicht, dass du keine Fortschritte gemacht hast.

Dein Zurückwollen ist vermutlich sogar ein Indiz dafür, dass du in der älteren Fragestellung weitergekommen bist. Vielleicht würdest du heute am liebsten wieder immer an sie denken müssen, weil du erfolgreich gelernt hast, das mit “erwachseneren” Ablenkungsstrategien zu bewältigen.

Fazit

Das Leben war nie einfacher. Weniger plakativ: Du hast das Leben nie als einfacher empfunden.

Weil vergangene Jahre von Zeit zu Zeit in Frage gestellt werden, der eingeschlagene Weg hinterfragt wird, die persönlichen Prozesse wenig bis nicht zur Kenntnis genommen werden, läuft man Gefahr, frustriert den Löffel hinschmeißen zu wollen. Mach dir klar, dass du dich damals, auch ohne all die (jetzt als verschwendet empfundene) Energie, genauso intensiv einem Rat- und teils Machtlosigkeitsgefühl gegenüber gesehen hast. Sieh all die neu erworbenen Tools. Sieh, dass manche Probleme überwunden sind, auf einige Fragen Antworten gefunden wurden. Sieh, dass dir deine riesig wirkenden Fragezeichen und Probleme von damals, heute klein erscheinen. … Heute scheinen Fragen wieder riesig. In einigen Jahren, wirst du auch sie belächeln können. Wirklich.