Nicht nur rational, auch intuitiv; nicht entweder-oder, sondern sowohl-als-auch

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Niemals resignieren, aber sich seines kontinuierlichen Re-Sinnierens bewusst sein.” ist ein einprägsame Satz, der ausdrückt, dass fortwährendes Hinterfragen, Richtung-justieren und Reflektieren zentrale Aufgabe eines mündigen Menschen ist. Das ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndes Selbstbewusstseins, sondern menschlich. Als ersten Schritt sollten wir uns das bewusst machen. Der nächste Schritt gilt für den Spezialfall: der Zusammenkunft freundschaftlich verbundener Ehrgeizlinge. Gerade in dieser Konstellationen ist es zwar schwer, aber besonders angebracht und gewinnbringend, Fragezeichen im Leben zuzugeben und einzusehen, dass sich keines der Gruppenmitglieder beweisen muss.

Schöner ausgedrückt: Das Beweisen, niemals zu resignieren, ist das — obschon unausgesprochen — aber immerwährend präsente Junktim der Zusammenkunft.

So wirkt es unter Menschen, die vom gleichen Streben erfüllt sind künstlich, eigene Anstrengungen wieder und wieder zu beteuern. Du musst nicht immer versichern, dass du hart arbeitest oder viel erreichst. Das Gespräch darf eine Stufe weiter vorrücken.

“[…] [I]n einer Zeit, in der uns gesagt wird, dass wir alles werden können, was wir wollen, wenn wir uns nur genug anstrengen. Wenn wir ‘uns in das Integrale hineinentwickeln’, dann setzen wir uns keine Lebensziele mehr, die bestimmen, in welche Richtung wir gehen. Stattdessen lernen wir, loszulassen und auf das Leben zu hören, das durch uns gelebt werden will.” — Frederic Laloux (S. 45)

Frederic Laloux legt nahe, nicht nur in Gruppendynamiken, sondern auch im Leben über den reinen Leistungsgedanken einerseits und das verbissene Festhalten an Zielen andererseits hinwegzukommen. Stattdessen sollten wir auf das Leben hören, das durch uns gelebt werden will, wodurch wir sogar effektiver werden. Sinnvolles Handeln ersetzt den Aufbau eines Heers maschinell gefertigter Ziele.

Das habe ich noch nicht geschafft. Das wird noch dauern. Aber ich verstehe, dass immer weiter justiert werden wird. Dass es da etwas in mir gibt, auf das es sich zu hören lohnt. In dem Prozess werden sich Ziele verändern und manche Ziele werde ich erst nach und nach voll verstehen. Einige neu aufnehmen, andere über Bord werden. Das kann ich langsam akzeptieren. Denn das wird den Zielen nichts von ihrem Dienst zur jeweiligen Zeit genommen haben. Sie waren notwendig. Schritt Drei verliert nichts von seiner Wichtigkeit, wenn man im Begriff ist, Schritt Vier und Fünf zu machen.

Auf die Gruppendynamik bezogen heißt das: Das Erkennen des Junktims ‘Arbeitsethik’ ist für die Gruppenmitglieder notwendig gewesen, um eine Verbindung aufzubauen. Das verbindende Element ist keine Selbstverständlichkeit, aber mit zunehmender Vertrautheit darf man es als gegeben betrachten und zeigen, dass einen mehr als nur ‘Arbeitsethik’ verbinden kann.

Um es mit Karnevals- und Bierzelt-Worten zu sagen: Es hat die Worte “Lass mich noch eben Zigaretten holen gehen” einfach gebraucht, um nach New York zu kommen. Sogar wenn die Einsicht über das wirklich erstrebenswerte Ziel, dann erst im neonhellen Treppenhaus kommt und man oben in der Wohnung davon noch keinen blassen Schimmer hatte. Eine Großzahl sinnvoller Ziele, kann man heute noch gar nicht setzen, weil man sie schlichtweg nicht kennt. Daher ist das Zulassen von Veränderungen notwendig.

So hatte ich mir vor ungefähr drei Jahren Ziele gesetzt, die mir als Orientierung dienen sollten, wie mein Alltag später aussehen würde. Daraus entstand, in Kombination mit einem kreativen Bedürfnis, welches in wenig kreativen Zeiten, nur am Wochenende befriedigt werden konnte, ein gut 280.000 Zeichen Buch. Ich malte mir mein Leben und die Frage, die ich mir stellte, war simpel: Womit verbringe ich in einem gemalten Leben meine Zeit?

In diesem würde es nicht heißen: kreativ oder rational. Nicht intuitiv oder vernünftig, sondern sowohl kreativ als auch rational, sowohl intuitiv als auch vernünftig. Weil sich das nicht — wie einem sowohl freigeistige Hippster als auch protzige Wall Street Banker oftmals das Gefühl vermitteln — gegenseitig ausschließt, sondern vielmehr ergänzt.

Nicht dualistisches Denken bedeutet dazu überzugehen, beides zu sein. Nicht Entweder-oder, nicht Alles-oder-nichts, sondern Sowohl-als-auch. Sowohl rationale als auch intuitive, sowohl feminine als auch maskuline Energien zulassen. Kontemplation und Monismus statt Dualismus sind die adäquaten Hashtags.

Aufpassen: Dann auch nicht das eine Extrem durch das andere ersetzen.

Wäre ich unter der Woche kreativ tätig gewesen, hätte ich am Wochenende womöglich zur Entspannung — im Rahmen erweiterter DuPont-Analysen — operative Vermögensrenditen von SDAX-Unternehmen ermittelt. Nur, weil das in der Wirtschaft vorherrschende Paradigma stark auf maskulinen und rationalen Seiten beruht, gilt es diese nicht zu verteufeln und jetzt zur Gänze durch ein feminines und intuitives zu ersetzen.

I’m not a big fan of random ideas. Ideas are cheap, because everyone has them. Getting shit done is what counts in the end. — Tobias van Schneider

Das selbe gilt für Arbeitspraktiken und Energien. Nicht die Skala von Grün nach Orange schieben, sondern auf das ganze Farbspektrum zurückgreifen.

Danke: Andreas Rost

Manchmal habe ich dann das Gefühl das Sowohl-als-auch zu sehen. Schreiben und Zahlen; Kopf ausschalten und Leadership; Fitnesspark und stupides Pumpen; Rückzugsort und Gemeinschaft; Eine Möglichkeit, wie alles zusammenspielen könnte. Dann umspielt für gewöhnlich ein selbstsicheres Lächeln die Lippen: Aufgepasst! Ich bin auf dem Weg und es wird krass.

Was gilt es mitzunehmen?

  1. Richte das Leben nicht nur an Zielen, sondern auch die Ziele am Leben aus. Das ist kein Zeichen von Schwäche.
  2. Insbesondere, wenn du nach außen selbstsicher und bestimmt wirkst, zeig Zweifel und Probleme, dein ganzes Gesicht.
  3. Hör auf, Ziele um ihrer selbst Willen zu erreichen. Such stattdessen nach den besten Möglichkeiten, Sinn zu stiften. Das macht dich effektiver.
  4. Entweder-oder zu Sowohl-als-auch werden lassen.