Eine psychologische Sicht auf Wahrnehmung, Erinnerung und Phantasien

Überdurchschnittlich viele Menschen glauben, überdurchschnittlich gute Menschenkenner zu sein. Was ist nun aber der Ansatz eines Menschen, der auf wissenschaftlicher Basis ein Buch zum Thema verfasst hat?

Antwort: Als richtige Menschenkenner müssen wir “mit unserem Urteil sehr zurückhaltend sein und vor allem keine moralischen Urteile, Urteile über den (moralischen) Wert eines Menschen fällen. Wir müssen vielmehr unsere Erkenntnis dieser Dinge dadurch zu verwerten suchen, daß wir diesen Menschen nunmehr anders entgegentreten, weil wir nun imstande sind, uns ein viel besseres Bild von seinem Innern zu machen.”

Dementsprechend gilt es, nicht eine einzelnen Handlung eines Menschen dazu zu nutzen, ein moralisches Urteil zu fällen, Alfred Adler scheint eher eine Form der linearen Regression auf den Menschen anzuwenden. In diesem Sinne sollte man sich die einzelnen Handlungen mehr als Punkte vorstellen, in denen es die individuelle “Zielschablone” des Menschen auszumachen gilt.

Thanks to: Digital Archaeology

Exkurs: Wie persönlichkeitscoachende Chartanalysten kapitalwirtschaftlicher Finanzinstitute, die einen individuenspezifischen Zielsetzungs-Trend bestimmen, Momentum in die eine oder andere Richtung erkennen und Hebelprodukte für prognostizierte Schulter-Kopf-Schulter-Formationen des persönlichen Lebensweges anbieten. — Sorry.

Jede Handlung ist ein Indiz für die innere Zielschablone. Mit dieser wird eine ganz fundamentale Überzeugung Alfred Adlers deutlich:

Das menschliche Wesen ist zielgerichtet und sogar für den häufigen Fall, dass es sich seiner Ziele nicht (vollständig) bewusst ist, bleibt es dabei: Unsere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Phantasien und Vorstellungen sind zielgerichtet.

Dementsprechend beeinflussen diese Ziele unsere Handlungen, aber nicht nur diese, sondern auch unsere Wahrnehmungen.

Das ist auch eines der bekanntesten “Geheimnisse” hinter der Wirkungsweise des Law of Attraction und aller Zielsetzungstechniken: Ziele bestimmen, was du wahrnimmst. Ob du Chancen erkennst oder sie vergehen lässt. So kann man also Zielsetzung nutzen, um seine Wahrnehmung zu beeinflussen. Der Trick funktioniert aber auch in die andere Richtung. Mit den Worten A²’s:

“Wahrnehmung ist mehr als ein bloßer physikalischer Vorgang, sie ist eine seelische Funktion, und aus der Art und Weise, aus dem Umstand, wie und was ein Mensch wahrnimmt, kann man tiefe Schlüsse auf sein Inneres ziehen”

Welche Schlüsse kannst du aus deiner eigenen Wahrnehmung auf deine bewussten oder unbewussten Ziele ziehen? Welche aus der Wahrnehmung deines Gegenübers auf dessen Ziele?


Nochmal: Unsere Wahrnehmung, Erinnerungen, Phantasien und Vorstellungen sind zielgerichtet.

Dass Vorstellungen ebenso wie Phantasien ein Indiz für die Ziele eines Individuums sind, liegt auf der Hand. Nachdenklich wurde ich aber dann wieder bei den Erinnerungen. Insbesondere bei folgendem Satz:

“Die Bedeutung einer Erinnerung kann man nur beurteilen, wenn man sich über die Endabsicht klar geworden ist, die ihr zugrunde liegt.”

Fragt euch daher mal vor dem Hintergrund, dass ihr zielorientierte Individuen seid: Was sind meine wichtigsten Erinnerungen sowohl positiver als auch negativer Gestalt? Was sagt dir das über dich und deine Ziele?

Das war nur ein kurzer Einstieg: Weiter geht es in Part II