Kennst du das Gefühl, wenn man merkt: Irgendwie habe ich mich verändert. Was mich einst definierte, erscheint mir heute belanglos, hat nicht mehr diesen Stellenwert in meinem Leben.

Was poppt jetzt bei dir auf?

Das können die unterschiedlichsten Dinge sein. Hobbies, Menschen, Leidenschaften jeglicher Art. Bei mir ist es: Fußball. Letztens habe ich versucht, das in einem Instagram-Post anzuschneiden:

Manchmal habe ich das Gefühl dem Fußball untreu/ nicht dankbar genug zu sein. Obwohl ich ihm so viel zu verdanken habe, spiele ich heute nicht mehr. Weil für mich — wenn mich jemand gefragt hat, wer ich bin — an erster Stelle stand: Ich bin Fußballer. … Das hatte mich definiert.

In dem Artikel, will ich mir (und dir) klar machen, warum es falsch ist, so zu denken. Wenn du das Gefühl in einem anderen Zusammenhang kennst, würde es mich freuen, wenn dir mein Prozess helfen kann, zu verstehen, welche Geschichten du dir erzählst und was dir von deinem “Fußball” bleibt.


Der Prozess

Wie immer ist es hilfreich, Emotionen erstmal wahrzunehmen und als Indikator zu sehen.

Dazu hilft es, zu fragen: Woher kommt dieses Gefühl? Diese Verpflichtung zur Treue?

Als Kind und Jugendlicher ist es schwer, sich nicht als minderwertig wahrzunehmen. Alles ist größer, stärker, weiß mehr und hat mehr Erfahrung. Es gibt wenig, an dem man seinen Selbstwert festmachen könnte. Mit der Zeit wird man dann seine eigenen Erfahrungen machen und am besten aus einem immer breiteren Schatz aus Selbstwert-Quellen schöpfen. Aber genau diese Zeit und diesen Erfahrungsschatz gibt es in unserer Kindheit noch nicht. Daher benötigt man andere Quellen. Solche identitätsstiftenden Quellen können zu diesem Zeitpunkt Hobbies, die Religion, Beziehungen, Partys, eine kreative Art sich auszudrücken und vieles mehr sein.

Für mich galt:

Fußball = Selbstwert.

Und im Rückblick erkenne ich, welche Geschichte ich mir erzählte:

“Du bist zwar irgendwie komisch, aber deine Mitschüler schätzen deine fußballerischen Qualitäten. Deswegen lassen sie dich, du sein. Deswegen akzeptieren sie, dass du irgendwie komisch bist. Gegen einen, der gut Fußball spielen kann, können sie nichts sagen.”

Mit so einer Geschichte im Hinterkopf: Bin ich dem Fußball da zur Treue verpflichtet? Ja. Mache ich mir da vollkommen zu Recht Vorwürfe, nicht mehr zu spielen? Durchaus.

Hinzu kommt: Dieser Sport war auch einfach wunderschön. Das Brennen der Oberschenkel beim Sprint in der 90. Minute, die Krämpfe in den Waden in der 92.. Die meditativen Ballannahme-Trainings zu zweit, die aufgeschürften Knie. Man übt ein Trick… und übt und übt, um dann zu realisieren: “Ich hab das gerade einfach gemacht… unbewusst, ohne nachzudenken… Whaaaaaat?” und mit dem Ball am Fuß weiterzulaufen.

Für mich ist das jetzt Gänsehaut pur. All die Situationen wieder zu durchleben…


Gleichzeitig male ich mir aus, was passiert wäre, wenn ich den Fußball nicht gehabt hätte. Ich hätte all die tollen Menschen nicht kennengelernt, die mich zweifelsohne auch zu dem gemacht haben, der ich heute bin. In meiner Geschichte wäre ich anfangs als Außenseiter abgestempelt worden, der irgendwie nichts so wirklich kann, später als “Soziali”, der es mit dem Nett-Sein ein wenig übertreibt. Ich hätte nicht die Kraft aufgebracht “Nein” und immer wieder “Nein” zu sagen. Wäre der geblieben, der irgendwie komisch ist und nichts so wirklich kann. Vielleicht wäre ich auch der geworden, “der zumindest Latein konnte und so dann zum Streber wurde”. In jedem Fall male ich mir aus, wie mein gesamtes soziales Leben zwischen 13 und 18 Jahren aus Einsamkeit, ohne Freunde, gemobbt und identifikationslos verlaufen wäre. Ein Niemand, der irgendwie nirgends dazugehört. Stattdessen schuf ich mir selbst meinen Stempel und drückte ihn mir fett auf die Stirn: Fußballer. Aus.


Also: Woher kommt dieses Gefühl? Diese Verpflichtung zur Treue?

Sie entsteht, durch die “Was wäre passiert, wenn ich kein Fußball gehabt hätte”-Geschichten.


Aber: Was sonst passiert wäre ist Fiktion, die daraus resultiert, dass ich meine Jugend so verbracht habe, wie ich sie verbracht habe: Auf dem Fußballplatz.

Machen wir doch einmal den Realitätscheck für die Geschichten.

Vermutlich hätte ich die Zeit, die ich so bei irgendeiner Form von Fußball-Training verbracht habe, nicht alleine däumchendrehend in meinem Zimmer verbracht. Vielleicht hätte ich stattdessen heute schon mein 27. Buch veröffentlicht. Vielleicht hätte ich sie doch däumchendrehend in meinem Zimmer verbracht und wäre durch die meditative Tätigkeit heute in einem höheren Bewusstseinszustand. Vielleicht hätte ich aber auch bereits das vierte Unternehmen verkauft.

Meine Geschichte lautet auch, dass ich nie gelernt hätte, dass sich Disziplin und Training lohnt und vielleicht war dann auch genau die richtige Entscheidung den “Ehrgeiz, Biss, [die] Disziplin, die Leidenschaft und [den] Willen”*, die es benötigte, um mir den Stempel “Fußballer” aufzudrücken, zu nehmen und zu sehen, was diese Tools abseits des Fußballfeldes bewirken können. Weiter zu erkennen, was ich damit auf anderen Feldern lernen kann. Denn es war nicht der Fußball, der mich zum Fußballer gemacht hat. Der entwickelte Ehrgeiz, der Biss und die Disziplin waren es, die mich zum Fußballer gemacht haben.

Ich hatte mich aus einem kindlichen Minderwertigkeitsgefühl kommend dem Fußball hingegeben, um Selbstwert zu schaffen und den bekam ich. Selbstwert aus dem Wissen darum, wie ich mich zum Fußballer gemacht hatte.

So entdeckte ich diese Seiten an mir über den Fußball. Auch nachdem ich mich wieder von diesem Sport entferne, bleiben mir diese Erkenntnisse. Vielleicht braucht es die Distanz zum Fußball sogar, um sie in ihrer Reinform — nicht nur im Bezug auf diesen Sport — zu entdecken, um zu abstrahieren. Neue Felder können mich jetzt neues Lehren.

Fazit

Mit der Entfernung vom Fußball, war ich mir selbst nicht untreu geworden und dem Fußball gegenüber nicht undankbar. Ich bin dankbar, für all das, was mich dieser Sport über mich gelehrt hat. Was bleibt, ist das bessere Verständnis meiner selbst.

Gibt es etwas Ähnliches in deinem Leben, dem du dich in deiner Jugend (womöglich aus einem Minderwertigkeitsgefühl) zugewandt hast, das aber heute nicht mehr diese Bedeutung für dich hat? Auch eine Sportart? Leidenschaft? Gibt es vielleicht eine Freundschaft oder Beziehung, die in die Brüche gegangen ist, und dich so etwas über dich in einem ganz anderen, viel breiteren Kontext gelehrt hat?

Floreant Dendritae
Marco

*Zitat Valeria