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Maßvolles Handeln war schon bei den alten Griechen als Tugend anerkannt. Für mich bedurfte es eines Schritts aus der täglichen Routine heraus, um das Ausmaß meiner Maßlosigkeiten zu erahnen und über Gegenmaßnahmen nachzusinnen.

Aber zunächst: Warum? Warum maßvoll handeln?

Aus Zeitmanagementgesichtspunkten wendet man gerne das Paretoprinzip/ die 80–20-Regel auf diverse Problematiken an. Demnach sind 20% deiner sozialen Kontakte für 80% deines (mitmenschlich begründeten) Ärgers verantwortlich. Mit 20% deiner Zeit, gestaltest du 80% deines persönlichen Erfolges etc.

Ganz in diesem Sinne verliert sich der maßlose Mensch gerne fanatisch in Kleinigkeiten und blendet dabei aus, dass die Anstrengung zwischen 98 und 100 Prozent des Einsatzes in seinen fanatischen Bereichen, ihn anderorts eingesetzt verhältnismäßig mehr bereichern würde. Während es in den seinem Spezialgebiet kaum einen Unterschied macht.

Diese Spezialgebiete sind andere für jede Person. Gleichzeitig unterscheiden sie sich auch im Leben einer Person zeitlich. Das heißt: Du hast vermutlich Spezialgebiete, auf denen du fanatisch bist und obwohl du — in deinem Fanatismus notwendigerweise — denkst, dass sich das niemals ändern wird, wirst du in wenigen Jahren hoffentlich eine neue Sichtweise auf diese Einstellung haben.

Warum hoffentlich? Weil es maßvoll zu handeln gilt,

… um besonders in jungen Jahren den Horizont zu erweitern.

… um das Leben ganzheitlicher genießen zu können und nicht nur deine Spezialgebiet, da man mit der Entfernung vom Fanatismus die notwendigen Scheuklappen abnimmt und einen umfassendere Perspektive seiner selbst deutlich wird.

… um — auch mit ohnehin schon genügend psychischen Knacksen gewappnet gegen die gefürchtete Durchschnittlichkeit — noch gesellschaftsfähig zu bleiben.

… um paradoxerweise Kontrolle über sein Spezialgebiet zu erlangen, sich nicht vom Fanatismus dessen kontrollieren zu lassen und so wieder die eigentlichen Hintergründe deines Handelns zu erkennen.

Dazu gilt es aber erst einmal einzugestehen, wo der Fanatismus liegt.

Welche Gebiete das sind kann man selbst meist schon erahnen — auch wenn man es nicht zugeben will.

Ansonsten können Menschen, von denen du Kritik gut annehmen kannst oder die du schätzt und deinen Fanatismus auf dem Gebiet bereits überwunden haben, eine hervorragende Quelle sein, um den Fanatismusspiegel vorgehalten zu bekommen.

 

Denn nichts ist leichter als den Fanatismus anderer Menschen zu erkennen und zu benennen:

Der Veganer wirft dem Paleo-Diät-Haltenden Fanatismus vor.

Der Zügellose dem Gefühlslosen.

Der Fastfoodliebhaber dem Orthorektiker.

Der Schamlose dem Schüchternen.

Der Faulpelz dem Workaholic.

Der Tollkühne dem Feigen. (Vice Versa)

Schwer fällt es aber den eigenen Fanatismus als ersten Schritt zu erkennen und ihn sich als zweiten Schritt einzugestehen. Denn er ist weder so gut noch so notwendig, wie man ihn sich macht. Zeichnet einen selbst nicht so sehr aus, wie man meint und die Menschen schätzen nicht das starre Umklammern, sondern den maßvollen Einsatz dieser fanatischen Ader.

Irgendwo liegt die goldene Mitte und die liegt nicht für jeden an der gleichen Stelle.

Mit den Worten Aristoteles’:

“So meidet denn jeder Kundige das Übermaß und den Mangel und sucht und wählt die Mitte, nicht die Mitte der Sache nach, sondern die Mitte für uns.”

Je weiter man zu den jeweiligen Extrempunkten gelangt, desto weiter sondert man sich ab und desto weniger Rückhalt hat man. So läuft man Gefahr, dass irgendwann das Fundament unter einem wegbricht.

 

Dann fällt man erst einmal — in eine Leere und je weiter man sich dann durch seine kaprizierten Verhaltensweisen von seinen Mitmenschen entfernt hatte, desto schwerer wird der Aufprall. Für deinen Fanatismus wirst du zwar im Internet viel Zustimmung finden, aber im Endeffekt kommt es auch auf echte zwischenmenschliche Kontakte an, die dir dann im Leben zur Seite stehen werden. Nicht, ob du irgendwo Zuspruch für bestimmte Lebensweisen, Charakterzüge und Einstellung findest.

Daher: Wo erkennst du in dir selbst Maßlosigkeit? Sei es ein Mangel oder ein Übermaß.Wo erkennst du Fanatismus? Welche negativen Auswirkungen unterschätzt du und wo redest du ihn dir schön oder glaubst, er sei notwendig?Was ist dir auch wichtig, was du so nicht in der Lage sein wirst zu erreichen? Spürst das irgendwo, unterdrückst es aber?