Erstes Beispiel: Seit Jahren ist die Jagd von Spitzmaulnashörnern unter Strafe gestellt. Die Population nahm dennoch aufgrund der hohen Preise auf dem Schwarzmarkt weiter drastisch ab. Was tuen?

In Südafrika gab es erstmals die Erlaubnis einen Preis zu etablieren: Die Jagd eines Nashorns kostete 150.000$. Dadurch hatten die Landbesitzer im Land den monetären Anreiz große Landflächen der Tierwelt “bereitzustellen”. Das Ergebnis: Die Populationen nahmen wieder zu, während diese in Kenia, wo die Jagd “nur” verboten ist, weiter drastisch sinkt.

Thanks to: Scott Presnell

Ist es richtig solch einen Preis zu etablieren? — Mehr dazu später.


Zweites Beispiel: In Amerika gibt es eine Initiative “Project Prevention”, die drogenabhängigen Frauen 300$ zahlt, sofern sie sich sterilisieren lassen.

Befürworter argumentieren, dass erstens Kinder so schon drogenabhängig zur Welt kommen. Zweitens ein Großteil dieser Kinder vernachlässigt oder sogar missbraucht wird. Das soll verhindert werden. Sollte man die Initiative dazu eher fördern oder verbieten?

Wieder einmal geht es um die Frage: Ist die Monetarisierung des Wertes sinnvoll, um zu einer effizienteren Lösung zu kommen? Wo sollte man hier eine Grenze setzen? Was sollte man kaufen können, was nicht?

Die Ideen der Initiatoren sind nachvollziehbar, doch — wie bei so vielen Beispielen in diesem Buch — sträubt sich etwas gegen den Gedanken. Nicht nur, weil das Geld natürlich wiederum in Drogen investiert werden wird, sondern auch bei der Frage, ob die Möglichkeit Kinder zu bekommen mit einem geldlichen Wert besetzt werden sollte.

Grundsätzlich gibt Michael J. Sandel angenehmerweise wenige Wertungen ab und argumentiert angenehm “empathisch” für Menschen, welche von der seinen abweichende Meinungen vertreten. Dennoch vertritt er klar den Standpunkt, dass wir die “Vergeldlichung” in unserer Gesellschaft zu weit treiben.

Diese Monetarisierung bestimmter Anreize kann man auf zweierlei Weise hinterfragen: Über die Argumentationsketten 1) Fairness und 2) Normenverfall.

1. Fairness

Bei geldlichen Anreizen argumentiert der klassische Ökonom, dass durch die “Vergeldlichung” Nutzen maximiert wird. Derjenige mit der höchsten Zahlungsbereitschaft wird das jeweilige Gut oder die Dienstleistung erhalten.

Sandel weist darauf hin, dass dies nur bei Gleichheit der Fall wäre. Zweihundert Euro sind für einen Milliardär jedoch eine gänzlich andere Ausgabe als beispielsweise für einen Studenten.

Um der Fairness genüge zu tun, sollte man immer den Hintergrund der Kaufentscheidung betrachten. Bezogen auf die drogenabhängigen Mutter müsste man bspw. fragen: Ist die Wahl der Süchtigen wirklich freiwillig?

Bei dieser Art der Argumentation wird die Monetarisierung des Gutes jedoch nicht infrage gestellt, sondern lediglich die unzureichend gleichen Bedingungen.

2. Normenverfall

Das am besten darstellende Beispiel stammt aus dem Paper “A Fine is a Price” von Gneezy und Rustichini (2000).

Wie alle Kindergärtner unter euch wissen, ist es manchmal nervig, wenn Eltern ihre Kinder zu spät abholen. Ökonomisch naheliegend wurde daher in diesem Experiment eine Strafe eingeführt: Wenn Eltern wieder einmal zu spät kamen, um ihr Kind abzuholen, mussten sie einen Geldbetrag als Strafe zahlen. Ziel war es so die Verspätung der Eltern zu reduzieren.

Was geschah? Die Eltern kamen noch später und vor allem häufiger zu spät. Warum? Was war passiert?

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Strafe und einem Preis.   Die Eltern interpretierten die Strafe als einen Preis. Den Preis, den die Zeit der Kindergärtner nun einmal kostet. Zuvor wurde ihr Verhalten hingegen über die soziale Norm “Pünktlichkeit” (/Wertschätzung der Zeit meines Mitmenschen) geregelt. Durch die Einführung der Strafe verfiel diese Norm. Dabei vergisst der Mensch: Strafen sind nicht die Kosten eines Verhaltens. Strafen zeigen an, dass man sich falsch verhalten hat. Dieses falsche Verhalten ist nicht durch das Zahlen der Strafe auf einmal “neutral” zu betrachten. Es bleibt falsch.

Hier wird eine Annahme der Ökonomie deutlich: Die Monetarisierung eines Gutes oder einer Aktivität verändert ihren Charakter nicht. Diese Annahme ist heute nicht mehr zur Gänze haltbar.

Wir halten fest, gegen die Zuordnung von Geldwerten kann sprechen, dass die Monetarisierung von Verhalten, welches vormals von Normen geregelt war, dazu führt, dass die jeweilige Norm unerwünschter Weise ersetzt wird. Teils schnell, teils über längere Zeiträume gehen uns so diese Normen verloren und sie sind nur sehr schwer wieder zu etablieren. Dementsprechend blieben die Verspätungszeiten der Eltern auch weiter erhöht, nachdem die Strafe wieder ausgesetzt wurde. Die Bedeutung der Norm war zurückgegangen. Vermutlich könnte man die Verspätungszeiten mit hinreichend hohen Strafen reduzieren. Dann bleibt aber die Frage: Ist uns das den Verfall der Norm wert?


Weiter geht Michael J. Sandel auf eine andere Annahme der Ökonomie ein: Knappheit. In diesem Sinne argumentieren Ökonomen, dass bspw. altruistisches Verhalten incentiviert werden sollte, sodass der Mensch noch immer seinen egoistischen Interessen nachhängen kann und sich das altruistische Verhalten für andere Lebenssituationen “spart”. “Eminence-based” kann man dem Aristoteles entgegen stellen: Tugend erlangt man durch Übung. So müssen bspw. Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß regelmäßig “trainiert” werden, sodass sie zu einer Tugend werden. Die Tugend zeichnet sich dann dadurch aus, dass einem die Handlung irgendwann mit Leichtigkeit anheimfällt. Dieses Üben von Tugenden oder sozialen Normen ist schwer mit dem ökonomischen Knappheitsdenken zu vereinbaren. Wir haben aber nicht 100 Einheiten Tapferkeit zur Verfügung und können diese nun bestimmten Handlung zuordnen, sondern trainieren unsere Tapferkeit vielmehr durch tapfere Handlungen. Deswegen auch immer kritisch hinterfragen: Haben wir es bei dem vergeldlichten Wert wirklich mit einem “knappen Gut” zu tun oder ist es nur eine ökonomische Annahme, die nicht weiter hinterfragt wurde.


Nun zu unserem letzten Punkt: Der Spaltung der Gesellschaft. Schon in den ersten Semestern eines BWL-Studiums lernt man: Die maximale Abschöpfung von Zahlungsbereitschaften ist das Ziel profitorientierter Unternehmen. Vor allem in Zeiten zunehmender (empfundener) sozialer Ungleichheit sollte man sich einer Auswirkung dieser Unterteilung von Kunden in Zahlungsbereitschaftsklassen beachten.

Beispiele: Business Class und Economy Class Tickets im Flugzeug, VIP Lounges und Stehplätze im Fußballstadion, private und staatliche Schulen und Universitäten im Bildungswesen. Methoden, um unterschiedliche Zahlungsbereitschaften von Kunden abzuschöpfen, ordnen Kunden unterschiedlichen Zahlungsbereitschafts-Gruppen zu. Eine Person, die bereit ist für ein ähnliches Gut mehr zu zahlen, wird so von Unternehmen durch geringfügige Zusatzleistungen ausgemacht und effizienter zu Geld gemacht. Wir sollten uns fragen: Stört uns diese Separierung im Flugzeug? Im Fußballstadion? Im Bildungswesen?

Egal, wie wir darüber denken: Die Berührungspunkte unterschiedlicher vermögender Menschen nehmen ab. Die Separierung der Wirtschaft führt dazu, dass weder im Fußballstadion noch in Bildungseinrichtungen Arme und Reiche zusammenkommen.

Vielleicht ist das mit ein Grund, wieso die Spaltung und die Abgrenzung der “Gruppen” immer weiter zunimmt? Sieht der Mitarbeiter nicht mehr, dass sein Chef im Stadion genauso mitfiebert wie er, geht eine weitere Gemeinsamkeit verloren. Kommt man hingegen mit ihnen in Kontakt, wird deutlich, dass die Faulen, die Feinde am Arbeitsplatz, die Ungebildeten, die Griechen, die Moslems, die Sklaventreiber oder die Reichen und Schönen auch alles Menschen sind.


Zum Schluss habe ich drei Fragen:

  1. Haben wir bei der Berufswahl eine Entscheidung, die vormals durch Interesse geprägt war, durch den geldlichen Anreiz ersetzt?
  2. Welche Normen fallen euch ein, die durch Monetarisierung verfallen? Könnte es einen Zusammenhang zum (empfundenen) Rückgang der sexuellen Scham in unserer Gesellschaft geben?
  3. Effizienz ist kein Wert für sich, sondern ein Mittel. Das Mittel sollte aber nicht auf Kosten des Zwecks gehen. Was ist der Zweck? Ist der Zweck noch immer “gutes Leben” oder haben wir diesen vergessen?