Das große Problem des Perfektionisten ist nicht, dass er sich besonders hohe Ziele steckt, sondern dass die Diskrepanz zwischen Soll- und Ist-Zustand unerträglich wird. Diese Unvollkommenheit kann er nicht zulassen.

Das kann zwar lange Zeit dabei helfen, näher zum Ziel zu kommen — worin auch der große Reiz besteht — irgendwann bricht er jedoch unter dem Druck zusammen. Dann gibt es bestenfalls die Diagnose “Burn-Out” — die gesellschaftliche Adelung des Perfektionisten, das Non-Plus-Ultra der Fleißauszeichnungen.

Zwei große Nachteile der perfektionistischen Lebensführung sind daher, dass sie nicht — wie er gerne hätte — zu weiterem Leistungsvermögen führt, sondern zu einer Leistungsverminderung, und zweitens dem #Goodlifevehement abträglich ist.

Daher ungebetene Ratschläge auf Drei:
Eins… Zwei… Drei!

Erste Idee

Der psychotherapeutisch wohl kontraproduktive — dem Perfektionisten jedoch einleuchtende — Ansatz ist zu verdeutlichen, dass weiteres Beharren auf Perfektion zu Leistungsverminderung führen wird. Der wahre Perfektionist — und hier sollte man ihn grob an seiner Perfektionistenehre packen — wird das nicht wollen. Treffen kann man ihn mit Formulierungen, wie:

  • Wenn du so weitermachst, wirst du bald gar nichts mehr machen können.
  • Du machst das doch nur, um dich von der wirklichen Arbeit abzulenken.

Ergo: Den Perfektionisten reizen und verdeutlichen, dass wahre Perfektion im maßvollen Einsatz seiner Leistungsbereitschaft liegt.

Zweite Idee

Und bei dieser Idee wird ein wenig Augengezwinkerlichkeit auf der Strecke bleiben: Hinter dem Perfektionismus liegt eine Angst.

Sei es die Angst, nicht geliebt zu werden, wenn man nicht leistet, die Angst, “sein Leben verschwendet zu haben”, wenn man nicht alles bis an die Spitze treibt oder die Angst, ohne Leistung nichts wert zu sein.

Die Abwegigkeit dieser Angst gilt es zu verstehen!

Ein Beispiel: Vor einigen Monaten war ein Freund, der sonst immer frühmorgens mit mir im Training war, nicht aufgetaucht. Erst als ich das Fitnessstudio verließ, kam er mir entgegen. Ich fragte ihn, wo er gewesen sei, und er sagt, dass er so gut geschlafen habe, dass er sich einfach noch einmal umgedreht habe. …

Ich war beeindruckt. Stark!

Message: Was für Nicht-Perfektionisten eine Disziplinlosigkeit darstellt, war für den Perfektionisten Leistung. Es gibt einen Punkt im Leben eines Perfektionisten, an dem “verschlafen” zu “erholsam pausieren” wird. Diesen gilt es, zu erkennen.

Hier findet sich der Perfektionist in einem Balanceakt auf dem Kinderspielplatz wieder. Während auf der linken Seite der Wippe in großen Lettern “PAUSIEREN” eingeritzt ist, steht rechts fett “LEISTEN”. 95 % der Gesellschaft sitzen gemütlich pfeifend auf der linken Seite der Wippe, lehnen sich beizeiten nach vorne und wundern sich, dass sich an ihrer Lage nichts ändert. Der Perfektionist hat dem — vermutlich schon als Kind — den Kampf angesagt! Er stand eines Tages auf und kämpfte sich zur Mitte der Wippe. Nun müht er sich tagtäglich mit seinem Balanceakt ab.

Eines Tages regnet es jedoch. Er rutscht aus, schlägt sich den Kopf an und sitzt fortan leidend auf der “LEISTEN”-Seite der Wippe.

Während der Perfektionist noch immer schmollend dasitzt, kommt ein Mädchen vorbei. Es setzt sich — wenn der Perfektionist es zulässt — dem Perfektionisten gegenüber hin und er erkennt, dass es nie darum ging alleine auf der Wippe zu balancieren. Vielmehr sollte man beim dem ganzen Auf und Ab den Überblick behalten, wann Leistung produktiv und wann kontraproduktiv ist.

Ergo: Der Perfektionist muss seine Ängste verstehen, um zu erkennen, dass es nie das pausenlose Leisten war, was andere Menschen an ihm schätzten. Dass er sich durch das pausenlose Leisten manchmal selbst im Weg steht.

Dritte Idee

Nachdem man erkannt hat, dass es darum geht gemeinsam zu Wippen, nicht alleine zu balancieren, darf man sich trotzdem noch immer darin üben auf der Wippe zu stehen. Jetzt ist man aber darauf vorbereitet, von der Wippe zu fallen und lacht darüber, dass man mal wieder ausgerutscht ist. Wenn das kleine Mädchen dann vorbeikommt und tadelt:

  • Wenn du so weitermachst, wirst du nie wieder auf der Wippe balancieren können!

Steht man mutig auf, lächelt sie an, sieht, dass das Mädchen mittlerweile zu einer Frau geworden ist, gibt ihr einen Kuss und sagt:

Du hast ja recht, Schatz. Aber es macht so einen Spaß und sonst hätten wir uns doch nie kennengelernt.

Ergo: Der Perfektionist sollte lernen, über seinen Perfektionismus zu lachen und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.