Drei galoppierende Hunde, eine desinteressiert riechende Sonne und dazwischen zieht Merleau-Ponty unvorhersehbar seine Pfade – zwischen Leben, denk dir nichts beim alles Geben.

Wecker um 4:58: Was mich sieben Tage die Woche “#5amClub” lehrte

Gegen Ende des Jahres 2015 beschloss ich, mir zum ersten Mal diesen Wecker zu stellen:

Wecker
#5amClub

Wider Erwarten sollte es eine schicksalhafte Stunde für das kommende Jahr sein. Im Jugendalter die Nächte mit Gaming verbracht, später als Student jobbend in Münchner Diskotheken, war auch ich ein Liebhaber später Morgen. Mir ging es wie so vielen anderen: Ab vormittags bis spät in die Nacht fand ich frühes Aufstehen absolut erstrebenswert, nur morgens im Bett, da war es nun wirklich nicht notwendig.

Da ich mir erfreulicher Weise nie die Mühe gemacht habe, Wecker aus meinem Handy zu löschen, habe ich noch einen ganz guten Nachweis für frühere Motivationsstrategien.

Mein Umgangston mit mir selbst ist öfter einmal etwas grob. Wir lieben uns aber sehr.

Manchmal hat das geklappt und manchmal nicht. Manchmal blieb ich liegen, manchmal raffte ich mich auf.

Ende 2015 gab es einige Gründe, weshalb ich dann beschloss tagtäglich um 4:58 aus dem Bett zu kriechen, hüpfen oder fallen.

Erwartungen

Was erhoffte ich mir vom 5am Club?

Schlaf

Schlaf. Das klingt zunächst etwas abwegig.

Aber ich hatte es satt, mich abends im Bett zu wühlen und nicht einschlafen zu können! Dabei sollte der Wecker um 5 Uhr helfen. Wenn mein Körper meinte bis 3 Uhr nachts wach liegen zu müssen, dann sollte er halt mit zwei Stunden Schlaf auskommen. Am nächsten Abend würde ich dann wohl einschlafen können. Das Aufstehen um 5 Uhr stand fest, dann wurde eben zu harten Bandagen gegriffen. Basta!

Das war auch ein Grund dafür, weshalb nicht nur Mo-Fr morgendlicher Wecker anstand, sondern Mo-So.

Einziger Break, den ich mache beim Hustlen, ist 19:29 Uhr bis halb Acht. — Kollegah

Der Biorythmus sollte sich umstellen, sodass ich abends einschlafen konnte, und der Biorythmus hatte vermutlich wenig Verständnis für eine Gesellschaft, die ab Montag nach dem Wochenende lechzt. (Da haben wir was gemeinsam.)

Unumstößliches Fitnessstudio

Wenn dir etwas wirklich wichtig ist, dann etabliere es als erste Aktivität des Tages.

Ins Gym wollte ich gehen. Das war mir wichtig. Wenn der Wecker um 5 Uhr klingelt und das Internet erst einmal bis etwa halb 9 ausbleibt, wird es ziemlich schwer, dass äußere Umstände vom Sport abhalten. Das lag dann ganz klar im eigenen Verantwortungsbereich und ich selbst wollte nicht dafür verantwortlich sein, nicht im Gym gewesen zu sein.

Produktivität

Man steht nicht um 5 Uhr morgens auf und “chillt” erst einmal ein wenig. Da wird dann etwas gemacht. So sollte sich mit dem Wecker auch die Produktivität erhöhen. In der Anlaufphase des Projekts stand erst einmal fest, die Stunden wurden mit einem Fitnessstudiobesuch genutzt.

Während sowohl Bettwälzen als auch prä-bettwälzliches Serienschauen für meine Begriffe keine sinnvollen Erfahrungen lieferte, konnte diese Zeit mit Schlafen zugebracht werden, während die morgendlich gewonnenen Stunden produktiv genutzt wurden.

Produktivität nahm auch Einfluss auf die Entscheidung, wochenendlich früh aufzustehen. Eigene Projekte, die unter der Arbeitswoche zu kurz kamen, sollten so am Wochenende vorangetrieben werden können.

Flickr: Hartwig HKD

Erholsamere Nächte, produktiverer Alltag und die Sicherheit täglich im Gym gewesen zu sein waren also meine Erwartungen an den 5am Club. Was davon erfüllt wurde und welche anderen Nebeneffekte zu verzeichnen waren, darum geht es im nächsten Abschnitt.

Folgen

Mittlerweile ist 2017 und ich möchte Bilanz ziehen.

Schlaf

Erwartung mehr als erfüllt

Selten — meist weniger als einmal pro Monat — gibt es seitdem Tage, an denen ich mich wirklich länger als eine Stunde im Bett wälze und nicht einschlafen kann.

Exkurs: Ich sollte nicht verschweigen, dass ich auch andere abendliche Routinen entwickelt habe, die vielleicht mit zur Entwicklung beitragen: Lesen eines Romans, Journaling, …

Ich hätte allerdings nie erwartet, dass ich jemals so schnell würde einschlafen können. Früher war es üblich, dass ich etwa 45 Minuten benötige, um einzuschlafen. Heute bin ich in der Regel nach fünf Minuten im Land der Träume. Traumhaft.

Unumstößliches Fitnessstudio

Erwartung erfüllt

Das erschien mir auch nicht gefährdet. Dazu kommt noch, dass man verrückte Menschen um diese Uhrzeit kennenlernt. Diese Dudes sind vermutlich das Beste, was mir 2016 widerfahren ist. Schon alleine deswegen hat sich das Aufstehen hundertfach gelohnt.

Produktivität

Erwartung erfüllt

Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich produktiver geworden bin. Insbesondere als im Sommer das Arbeitsleben wieder durch studentische Freiräume ersetzt wurde, konnte ich die Stunden von 5 bis 11 Uhr gut nutzen, um zu lernen, zu schreiben oder zu lesen und dann der Heliophilie nachzuhängen und mich sportlich in der Sonne zu betätigen, um so einerseits teils unstillbaren Vitamin-D Hunger, andererseits teils unstillbare Ansprüche an eigene Produktivität zumindest zu besänftigen.

Exkurs: Wenn man nicht mit einem Fitnessstudiobesuch in den Tag startet, würde ich insbesondere für die Eingewöhnungszeit empfehlen, zumindest eine kalte Dusche oder dergleichen in den Morgen zu etablieren, damit der Körper in Schwung kommt. Sonst ist es schwer sich während monotoner Tätigkeiten wach zu halten.

Allerdings bedeutet frühes Aufstehen natürlich nicht, dass man automatisch mehr Kapazitäten zur Verfügung hat. Abends wird dafür dann auch die Energie fehlen, die sonst vielleicht noch für nächtliche Unternehmungen zur Verfügung gestanden hätte. Das hat nun mehrere Auswirkungen, was uns zum großen Contra-Punkt bringt.

Zunächst: Du wirst vermutlich nicht, wenn du zuvor um 23 Uhr angefangen hattest noch ein wenig zu lernen, auf Dauer auch dann noch nächtliche Lernexzesse einschieben und dennoch immer um 5 Uhr aufstehen. Die Lernexzesse finden dafür nun um 5 Uhr statt. Dabei ist wichtig: 5 Uhr-Lernen ist keine hehre Tätigkeit und dem 23 Uhr-Lernen nicht zwangsläufig überlegen.

Unseren Überlegungen lag die Annahme zugrunde, dass 23 Uhr-Aktivitäten manchmal weniger sinnvoll sind und diese daher durch 5 Uhr-Aktivitäten ersetzt werden.

Wichtig: Prämissen, wie “Lernen ist sinnvoller als Serienschauen”, sind notwendig. Ohne diese Annahme, geht die Rechnung nicht auf.

Eine Aktivität wird nicht dadurch sinnvoll, dass du sie früh morgens machst. So kommen wir zu des Pudels Kern. Es gibt wertvolle 23 Uhr-Aktivitäten, die dir um 5 Uhr nicht zur Verfügung stehen.

Das heißt, auch wenn es zwischen 5 und 23 Uhr-Aktivitäten Schnittmengen gibt — bspw. lernen, schreiben etc. — , so schöpft man dennoch aus einem anderen “Aktivitäten-Pool”. Wenige Menschen werden morgens für “Netflix and Chill” vorbeikommen, man wird sich auch nicht um 5 zum Vorglühen treffen oder gemütlich was Trinken gehen.

Klar: Du kannst all das noch immer um 23 Uhr machen, aber du wirst weniger Lust dazu verspüren, wenn du erstens seit 5 Uhr auf den Beinen bist und zweitens am nächsten Tag weißt, dass du um 5 Uhr aufstehen wirst.

Ein beliebter Einwand ist: Dann macht man halt mal eine Ausnahme. Ausnahmen sind auch möglich, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die gut hin und wieder “mal ne Ausnahme” machen können. Diese glücklichen, einen-Löffel-Nutella-Esser beneide ich von Zeit zu Zeit. Für mich ist Folgendes realistischer und es fällt mir auch leichter: Die nächsten zehn Jahre gibt es keinen Hauch Nutella mehr. Punkt. Und nicht: Hin und wieder gibt es mal ein Löffelchen. So muss ich nicht zu jedem Frühstück wieder überlegen: “Na, gibts heute Nutella, Marco?” Parallel dazu frage ich mich auch morgens nicht mehr: “Na, stehst du heute auf?” Und wenn dann gibt es im gewohnten Umgangston ein liebevolles “Fresse!” zu hören.

Vor allem zu Beginn sollte man zum “Reingrooven” — so sehr man in 5-Uhr-Aufstehen “reingrooven” kann — keine (!) Ausnahmen machen. Immer vorausgesetzt, man beschließt, dass es eine gute Idee ist. Scheuklappen auf. So tun als wäre das die einzige Möglichkeit. Der heilige Gral, Indiana Jones`Kristallschädel. Alles wird darauf ausgerichtet. Einmal daran gewöhnt, sind wohl dosierte Ausnahmen erlaubt. Dann muss man sich aber damit abfinden, dass 23 Uhr-Aktivitäten auch in späteren Phasen noch leiden werden.

Erwägst du daher ernsthaft, regelmäßig um 5 Uhr aufzustehen, dann sollte dir der Pool an 23 Uhr-Aktivitäten weniger wichtig sein als der an 5 Uhr-Aktivitäten. Hier ist wiedermal eigene Präferenzen ausloten gefragt.

Fazit

Meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass es sowas wie Frühaufsteher und Langschläfer nicht gibt. Es gibt aber Menschen, die früh aufstehen, und diejenigen, die lange schlafen. Früh Aufstehende sind deswegen aber keine “besseren Menschen”, wie einem gerne glauben gemacht wird. Vielleicht haben sie andere Prioritäten, vielleicht haben sie aber auch andere Prioritäten gesetzt. Hier, in diesem feinen Unterschied, liegt der Hase im Pfeffer. Je nach individueller Neigung auch der Hund begraben. Da beißt die Maus kein Faden ab.

Wenn dir, was auch immer du um 5 Uhr morgens machen würdest, wichtiger ist als das, was du um 23 Uhr machst, dann laber nicht irgendwas von Langschläfer, sondern steh’ um 5 auf und mach das. Wenn dir allerdings — völlig legitimer Weise — 23 Uhr Aktivitäten wichtiger sind, dann verbringe deine Zeit damit.

Auch Mischformen sind in Ordnung. Hin und wieder mal um 5 Uhr aufstehen, dann mal wieder um 10 Uhr. Kein Problem. Aber dann bitte auch mögliche einschlafsproblematische Konsequenzen in Kauf nehmen. Alles* hat Vor- und Nachteile.

Aber bitte nicht: Ich würde so gerne das, aber [Hier bitte Ausrede nach Wahl einfügen].
Sondern: [Hier bitte Ausrede nach Wahl einfügen], aber mir ist das wichtiger, daher mache ich das. Punkt.

Entscheidung fällen. Tun.

In einem Satz: “Rise at 5” wird dich erfolgreich machen, wenn Erfolg für dich in 5 Uhr-Aktivitäten besteht. Aber nur dann.

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