Foto von Jeremy Paige auf Unsplash

 

Letztens auf meinem ersten Poetry Slam gewesen und direkt eine überraschende Gemeinsamkeit mit einem der Slammer aufgewiesen. Überraschend deshalb, weil ich mich für gewöhnlich bei einem Hauch von Kritik am Reisewahn als einsamer Wolf im Diskussionswald wiederfand.

Weniger überraschend war die Verkörperung der Kritik. Dominik Erhard, der mir zuvor einen Gästelistenplatz beim Schwabinger Poetry Slam bescherte und später auch vom Publikum lautstark zu einem der beiden Sieger des Contests geklatscht wurde, hatte meinen Beifall schon allein durch die Bemerkung zur Indienreise einer Freundin sichergestellt.

Unter dem Link erfahrt ihr mehr zu Dominik Erhard, mit nem — wie ich finde — überragendem Vortrag in Videoformat zum Schweigefuchs.

Im späteren Gespräch wurden wir uns schnell einig, dass Selbstfindungsreisen für Mittzwanziger mit dem Wissenshorizont der breite ihres Smartphones selten zur großen Erleuchtung führen würden. Dass man da doch besser beraten wäre, die Neugier nach anderen Ländern erst einmal auf den eigenen Alltag zu übertragen und dort ein wenig an der Zufriedenheit zu arbeiten.

Dieses Reisewahn-Phänomen beschäftigt mich nun schon eine ganze Weile. Neben dem romantischen Gedankengut seit dem 19. Jahrhundert möchte ich heute einmal einen Faktor im Hintergrund beleuchten: Den Individualismus.

Forschungsergebnisse

Die psychologischen Folgen der Allgegenwärtigkeit des Geldes

Geld treibt Individualismus.

Ursprünglich hatten wir einmal angenommen, dass sich Menschen individualistisch verhalten. Eine Vorstellung, die durchaus ihre Berechtigung hat und aus unterschiedlichen Entwicklungen wie der Aufklärung, aber auch der häufig fehlinterpretierten Idee eines Homo Oeconomicus mit rein egoistischen Zielen entstanden ist. Vor dem Hintergrund dieses Menschenbildes wurde Menschen dann mit Geld incentiviert (ein Anreiz zur Handlung gesetzt).

Neben dieser Incentivierungfunktion gibt es über die Auswirkungen von Geld seit langem diverse Mythen.

Der christliche Kulturkreis ist von Sprüchen, wie

“Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” — Markus 10, 25

geprägt. Manchmal kann uns die Wissenschaft dabei behilflich sein alte Sprichwörter zu bestätigen oder diese zu widerlegen. Meist erklärt sie aber eher, dass es nicht ganz so leicht ist, wie uns ein Sprichwort glauben machen will. Dann kommen wir zu der überraschenden Erkenntnis, dass solche Glaubenssätze facettenreicher sind als unser Kopf uns das mitteilen will.

Man sollte doch meinen, dass das Leben ohnehin schon kompliziert genug ist, und man da doch wenigstens “die Reichen” ohne wenn und aber in die Hölle schicken dürfen. Aber zu früh gefreut.

Ausgangsfrage ist somit:
Was macht Geld wirklich mit uns und wie werden wir — auch auf gänzlich subtile Weise — beeinflusst?

In der Psychologie versteht man unter Priming u.a. vereinfacht ausgedrückt: Die Beeinflussung deines Verhaltens durch vorangehende Sinneswahrnehmung. Beispielsweise ein $-Zeichen als Bildschirmschoner oder das Lesen eines Textes, der von Geld handelt. Man nimmt also bewusst oder unbewusst das Gedankenkonstrukt Geld wahr.

Was fanden die Forscher bei einem in dieser Weise gearteten Priming heraus?
Die Idee des Individualismus wurde bestärkt. Die Forscher nehmen an, weil Geld dazu führt, dass wir uns autark fühlen. Wir können dann auch ohne die Hilfe anderer Überleben. So neigt man eher dazu allein sein zu wollen und handelt egoistischer. Ließ beispielsweise ein Forscher einen Stift fallen, so dauert es bei auf Geld geprimten Menschen länger bis sie ihn für den Forscher aufhoben. Sollten Studienteilnehmer für eine andere Person zwecks eines späteren Dialogs einen Stuhl aufstellen, so stellten sie diesen weiter von sich entfernt auf als dies nicht-geprimte Teilnehmer taten.

Das wirkt so erzählt natürlich abwegig, sodass der Gedanke aufkommt nicht betroffen zu sein, weil es sich “böse” anhört anderen Menschen erst später zu helfen und man selbst bekanntlich nur “gut” handelt.

Deswegen sei angemerkt: Im auf Geld geprimten Handeln ist späteres Helfen nicht notwendiger Weise gleich späteres Helfen. Vielmehr ist es länger die Möglichkeit eröffnen selbst zu handeln. Wenn es dir — wie insbesondere im Fall des auf Geld geprimten Modus`— sehr wichtig ist, dass jemand für sich selbst sorgen kann, selbstständig arbeiten, autark leben kann, dann ist es nicht die beste Lösungsstrategie ihm jede Arbeit abzunehmen und mit allem sofort zu helfen.

Das ist nun einerseits ein kleiner Lebensratschlag, soll aber auch dazu dienen den individualistisch/ egoistisch Handelnden besser nachvollziehen zu können. Ein wenig unserer Tendenz dualistisch zu denken abzumindern à la

Helfen = gut → Nicht-Helfen = böse.

Gleichzeitig muss einem bewusst werden, was ein Leben in einer so von Geld geprägten Zeit und Kultur für einen Einfluss auf unser Handeln hat. Das Bedürfnis autark zu leben, sich individualistisch abzugrenzen ist für sich genommen nicht schlecht, dennoch sollten wir uns auf Dauer der gesellschaftlichen Folgen solch eines Primingeffekts bewusst werden. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte/ -hunderte, dass Geld und Konsum immer mehr unser Denken bestimmten, kann unser Miteinander so über die Zeit immer stärker prägen. So können die schönen Seiten eines freiheitsliebenden Individualismus schleichend zu einer egoistischen Ellbogengesellschaft führen.

Ganz grundsätzlich denke ich, dass der Trend hin zu so umfassender Erinnerung an den Geldwert über diese Zeiträume gesamtgesellschaftliche Effekte nach sich ziehen kann, die größere Auswirkungen haben als wir das zunächst vorstellen.

Nun sollte ich noch versuchen die Kurve zum Ausgangsthema — Reisewahn — zu bekommen. …

Flickr: Tom Heinze

Für mich hat der neue Reisewahn den Charakter einer individuellen Abgrenzung. “Schaut, was ich für Erfahrungen gemacht habe!” oder “Schaut, wie autark ich leben kann!

Wir haben gesehen, dass ein geldliches Umfeld dazu neigt uns im Individualismus zu bestärken. Dass jetzt gerade die durch Geld geprägte Jugend sich dadurch versucht auszuzeichnen, dass sie Backpacking-Trips machen und ohne großen Luxus, autark auskommen kann (bzw. es vorgibt), ist auch Ausdruck der Individualismus-Prägung des Geldes.

Ich räume ein, dass ohne den elterlichen Geldbeutel großes Reisen ohnehin schwierig werden würde, was es für kleinere Geldbeutel schwieriger macht, diese Art des Individualismus auszuleben. Dennoch scheint mir eine Korrelation zwischen dem Rang des Stellenwertes des Geldes im Elternhaus und dem Reisebedürfnis der Nachkommenschaft zu bestehen.

Auf meiner Ursachensuche nach den Gründen des Reisewahns habe ich daher die Hypothese aufgestellt, dass auch die Allgegenwärtigkeit des Geldes und der damit verbundene Individualismus Teil des Phänomens sein könnte.

Was gilt es aus dem Artikel mitzunehmen?

Zum einen, dass über Priming Sinneswahrnehmungen allgemein auch unterbewusst einen großen Einfluss auf unser Handeln haben.

Weiter wird so die gesellschaftliche Tendenz hin zum Individualismus u.a. durch die Allgegenwärtigkeit des Geldes im Alltag bestärkt.

Drittens, haben wir die Tendenz komplexe Sachverhalte dualistischer wahrzunehmen als sie sind. Nicht-Helfen muss nicht immer “böse“ (gemeint) sein, Helfen nicht immer “gut”. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, so schön einfach das auch wäre.

Viertens, kann es besser sein, Menschen zu helfen sich selbst zu helfen als ihnen alle Arbeit abzunehmen.

Zum Schluss: Poetry Slams regen zum Nachdenken an. 😉