From Flickr: Ben Millett

 

Kommt der tagtägliche Spaß ein wenig zu kurz? Anfängliche Begeisterung für ein Studium eingebüßt? Vielleicht auch für einen Sport oder euren Job? Was ist das für eine Entwicklung, die sich bei so vielen von uns zuzutragen scheint?

Als Kind baut man noch strahlend vor Freude stundenlang an einem Schneemann. Kein Anflug von Langeweile oder Unlust. Tagtäglich Spaß zu haben: Kein Problem.

Gemacht hat man das nicht, um später einen Schneemann auf dem Feld stehen zu haben, sondern wegen der Freude am Schneemannbauen.

Im Sommer stört man sich wenig am gescheiterten Versuch, einen Überschlag mit der Schaukel zu machen, und auch mit einem Besuch am Spielplatz lässt sich ein ganzer Nachmittag mit Freude füllen.

Dafür musste uns niemand motivieren. Sehr bald warten aber Dinge auf uns, die wenig Spaß zu machen scheinen, sondern nur einen Zweck erfüllen sollen. … Schon bald machen wir nichts mehr um seiner selbst Willen, sondern nur noch, um irgendeine Form von Belohnung zu erhalten.

Dabei werden sogar Dinge, die uns einmal Spaß gemacht haben, zur Pflicht.

Wie das kommt und wodurch man es verhindern, sogar umkehren kann, darum dreht sich dieser Artikel.

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Das Biologie-Studium

Im Kindergarten hat man sich um das Buch über Dinosaurier gestritten, heute sind die Tage zu anstrengend, um nach dem Tag an der Uni auch noch zu lesen.

Wie entwickelt sich das? Wie könnte so eine Geschichte aussehen? Angenommen, man gewinnt den Kampf um das Dinosaurierbuch, fragt Mama, wo die Dinosaurier jetzt sind und hört gespannt, was noch vor der Geburt von Opa passiert sein soll. Bekräftigt in dem Interesse an derlei Getier, hört man dann auch zu, was später die “Heimat- und Sachkunde”-Lehrerin in der Grundschule zum Aufbau des gemeinen Regenwurms sagt und — obwohl man Regenwürmer nie als gemein empfunden hat — entwickelt sich ein echtes Interesse für Biologie.

Auf der weiterführenden Schule ist man dann dementsprechend bei Biologie auch notentechnisch immer ganz vorne mit dabei. Teilweise kommen sogar Klassenkameraden auf einen zu und fragen, was man in der letzten Stunde gemacht hätte und wie das nochmal mit der Photosynthese war.Der neue Biologielehrer ist zwar nicht so toll und nur daran interessiert, dass man seinen Tafelanschrieb wiedergibt, aber ihr habt noch immer Kontakt zu eurem alten Bio-Lehrer. Redet sogar in den Pausen immer mal wieder mit ihm und er leiht euch sein Lieblingsbuch — “Pilgerreise auf dem Darwin-Pfad” von Richard Dawkins — aus. Das ist zwar keine sonderlich leichte Lektüre und er sagt auch, dass ihr euch nicht beeilen müsst: Bei ihm stehe es ohnehin nur rum, aber zuhause beginnt ihr zu lesen und bekommt endlich einen Eindruck davon, wie sich nach dem Aussterben der Dinosaurier wieder so große Tiere entwickeln konnten und erfahrt, dass ihr einen gemeinsamen Vorfahren mit eurem Hund habt. Die anderen Fächer bekommt ihr auch noch irgendwie hin und die Wahl eines Studienfaches fällt nun wirklich nicht schwer.

Und so beginnt das Studium.

Für die Mikrobiologie-Prüfung müsst ihr jetzt zig Aminosäuresequenzen der Polypetidkette auswendig lernen und seht leider keinen Sinn darin. Um irgendetwas nur auswendig zu lernen und dann in der Prüfung auszukotzen, habt ihr nicht angefangen zu studieren. Das ist doch stupide und so fällt auch die Prüfung aus. So gut wie jeder eurer Kommilitonen war früher Klassenbester in Biologie und deswegen fragt euch jetzt auch niemand mehr, etwas zu erklären. Ihr habt eher das Gefühl, dass alle anderen viel mehr Ahnung haben und sich jeden Tag scheinbar nur mit den Studieninhalten beschäftigen.

Nachdem die Schulzeit vorbei ist, ist natürlich auch der Kontakt zu eurem Biolehrer abgebrochen und mit euren Kommilitonen seid ihr froh nach dem stressigen Uni-Tag mal nicht über die Bestandteile der DNA sprechen zu müssen. Deswegen werden die Studienunterlagen jetzt auch hauptsächlich aus einem Pflichtgefühl angefasst. “Ich sollte jetzt echt noch lernen. Immerhin zahlen mir meine Eltern sogar noch Unterhalt und damit ich möglichst bald Geld verdiene, will ich das Studium schnell abschließen.” Da muss ich dann auch nicht mehr die ganze Zeit unnötiges Bulimielernen betreiben.

Von einer Begeisterung für das Studienfach, war man in kurzer Zeit dazu verkommen, möglichst schnell sein Studium hinter sich bringen zu wollen, um Geld verdienen zu können. Wie das?

… Fast wäre das Interesse unter dem ganzen “Muss” verborgen geblieben …

Es sind nur drei sehr simple Schritte notwendig gewesen, die ihr vielleicht bei euch in der Arbeit, dem Studium oder sogar bei anderen Hobbies entdecken könnt. Einmal erkannt, kann man dann auch gegenwirken und den Spaß am Lernen (wieder) entdecken.

Also: Was war passiert?

1. Die wahrgenommene Kompetenz war drastisch gesunken.

Hier sieht man auch sehr gut, wie sehr die wahrgenommene von der tatsächlichen Kompetenz abweichen kann. Egal wie gut ihr in der Schulzeit als Biologie-Ass gewesen seid, in eurem Studium habt ihr noch viel mehr gelernt. Hintergründe besser verstanden und spezifische Themengebiete weiter vertieft. Objektiv betrachtet war eure Kompetenz klar gestiegen.

Weil jetzt aber niemand mehr auf euch zukommt, um Fragen zu beantworten. Weil eure Kommilitonen sich eher besser auszukennen scheinen als ihr selbst und weil der Professor manchmal in eine gänzlich andere Sprache zu verwenden scheint, war eure wahrgenommene Kompetenz gesunken. Auf einmal scheint sich die ganze Welt mindestens so gut wie ihr mit Biologie auszukennen.

2. Persönliche Bezugspersonen zum Fach sind weggefallen

Wo früher euer alter Lehrer noch ein Vorbild darstellte und euch gezeigt hat, warum auch mal das Auswendiglernen notwendig ist. Gibt es jetzt niemanden mehr, der mit euch begeistert über die Anwendungsmöglichkeiten des Wissens spricht. Mit den Kommilitonen seid ihr mehr im Leiden vereint als durch die Begeisterung für das Fach. Dadurch entsteht zwar auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aber keines, das euch für das Lernmaterial begeistert.

3. Die freiwillige Beschäftigung mit der Thematik blieb aus

Als Resultat habt ihr dann auch damit aufgehört in eurer außeruniversitären Zeit Bücher zum Thema auszuleihen oder zu lesen. In dieser Zeit wolltet ihr, einfach mal nichts von der Biologie hören. Obwohl euch das Lesen eines interessanten Buches zum Thema vielleicht sogar noch Spaß gemacht hätte, habt ihr nicht eingesehen, warum ihr, nach stundenlangem Pauken, jetzt auch noch abends, etwas dazu lesen solltet.

Dadurch gab es dann auch in den Vorlesungen keine Momente mehr, bei denen ihr Verbindungen zwischen den spannenden Dingen in der außeruniversitären Beschäftigung und dem trockenen Stoff in den Vorlesungen sehen konntet. Was den Vorlesungsstoff aber aufgewertet hätte.

Was nun?

Erkennt ihr euch wieder?

Die Medizin liegt auf der Hand. Allerdings muss man sie kontinuierlich und über mehrere Monate einnehmen, damit sie Wirkung zeigt.

Dazu müssen die drei Schritte in die entgegengesetzte Richtung gegangen werden. Die gute Nachricht: Durch bewusstes Wahrnehmen dieser inneren Vorgänge, ist schon einiges getan.

Am einfachsten ist es dabei zunächst erstens die wahrgenommene Kompetenz zu erhöhen und zweitens wieder zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, die euch das Interesse an den Studieninhalten ermöglichen.

Überlegt euch selbst einmal, was ihr in den letzten drei Jahren alleine an neuem Wissen in eurem Gebiet erworben habt. Was könntet ihr alles euren Schulfreunden zu dem Thema erzählen? Seid euch der Tendenz bewusst, dass das Wissen eurer Umgebung keineswegs den Kompetenzen des Durschnittsbürgers auf dem Gebiet entspricht.

Zu Zweitens: Gibt es Leute, denen es Spaß bereitet eure Studieninhalte anzuwenden? Die Begeisterung für das Fach empfinden? Tretet mit ihnen in Kontakt. Egal, ob es Professoren oder andere Anwender in der Arbeitswelt sind. Sicherlich kennt ihr irgendjemanden, der ein Studium eurer Art abgeschlossen hat und jetzt Freude an seiner Arbeit hat. Sollte das nicht der Fall sein, dann schreibt eine Email an jemanden, den ihr nicht kennt, von dessen Begeisterung ihr aber wisst. Sagt ihm, dass ihr es inspirierend findet, wie sehr er sich für die Materie begeistert und, ob die Möglichkeit für ein Treffen bestehe.

Als letzter Schritt: Wo gibt es vielleicht Überschneidungen mit Thematiken, für die ihr euch immer noch begeistert und bei denen Verbindungen zu eurem Studium aufkommen könnten? Bücher? Blog-Artikel? Hobbies? Relevanz in den Nachrichten etc.

Fazit

Wir neigen dazu zu vergessen, warum wir persönlich einer Tätigkeit nachgehen und nur noch den kalten, gerne monetären, Zweck dahinter als Motivation zu sehen. Was dazu führt, dass der Spaß ins Hintertreffen gerät.

Deswegen:

  1. Die eigene Kompetenz (wieder) bewusst machen
  2. Sich mit (für das Fach) begeisterten Menschen umgeben
  3. Angenehme Freizeitaktivitäten mit den Lerninhalten verbinden

Zuallerletzt:
Sich selbst mal wieder erlauben Spaß zu haben und das auch gerne mal grundlos. Egal, ob es nicht-altersgemäßes Schaukeln auf dem Spielplatz ist, Singen unter der Dusche, ein Besuch im Zoo oder ein Wühlen im Dreck.

Kind-Sein zulassen.