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Aus verschiedenen Quellen — von Eltern, Freunden, Kommilitonen oder Arbeitskollegen — wird uns von Fehlern berichtet und gerne werden dabei Ratschläge gegeben, wie man sich denn verhalten hätte sollen. Oft denken wir uns sogar, dass man den Ratschlägen doch wirklich gerne Folge leisten würde, aber an der Umsetzung hapert es.

Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. In der Universität erzählen Absolventen niedrigeren Semestern von ihren durchgearbeiteten Nächten, die sie nur mit Unmengen von Kaffee überstehen konnten, und raten frühzeitig mit dem Schreiben der Bachelor- oder Masterarbeit zu beginnen.

In der Berghütte berichten erfahrenere Bergsteiger den Alpenvereins-Junioren, wie sie in der Hoffnung einen kürzeren Weg zu finden, die ausgewiesenen Wege verlassen haben und dabei fast ums Leben gekommen wären. Sie predigen immer den beschilderten Pfaden zu folgen.

Im Krankenhaus berichtet die Oberschwester, wie ihr als Auszubildende Luftbläschen in den Infusionsschlauch eines Patienten geraten sind und der Patient daraufhin beinahe an einer Lungenembolie gestorben wäre. Forsch sagt sie: “Dreimal. Jedes mal kontrolliere ich seitdem dreimal. Wenn einer von euch die Kontrolle vergisst, dann gnade ihm Gott!

Und was passiert? Der Student, dem vor wenigen Wochen geraten wurde, seine Abschlussarbeit frühzeitig zu beginnen, denkt sich: “Ach, ich habe doch noch Monate Zeit. Da schau ich doch lieber noch ne Folge Game of Thrones.

Ein Kumpel und ich gehen auf unserer Bergtour querfeldein, weil es doch verlockend ist, auf der Karte zu sehen, dass nur zwei Kilometer querfeldein in Richtung Norden geht ein weiterer Wanderweg und dann müssen wir die letzten zwei Stunden nicht wieder zurückgehen. Fast-Forward, einige Stunden später, irgendwo im Nirgendwo, völlig erschöpft: “Ich kann nicht mehr. Ich lass mich da jetzt einfach runter rutschen und wenn ich mir was breche, ist es mir egal. Ich will hier jetzt runter…

Und je nachdem, wie lebhaft die Oberschwester das Gefühlschaos, das in ihrem jüngeren Selbst damals vorging, beschrieben hat, geht womöglich auch der zukünftige Krankenpfleger ein wenig zu sorglos bei der nächsten Infusion vor, bis er selbst in die Situation gerät.

Oft sehen wir uns wirklich sinnvollen und gut gemeinten Ratschlägen gegenüber und könnten von den Fehlern anderer lernen, aber wir tun es nicht. Warum?


Etwas fällt auf. Versetzt euch in die Situation. Stellt euch vor: Die Oberschwester nimmt euch an Stelle des “Gnade euch Gott!” beiseite, setzt sich hin und ihr seht, wie sie ein wenig in sich zusammensackt. Wo vorhin noch die selbstbewusste ältere Schwester stand, könnt ihr jetzt ein bisschen von dem Mädchen, das sie damals in ihrer Ausbildung war erkennen. Sie beschreibt euch, wie sie damals erfahren hat, dass es aufgrund ihrer Infusion Probleme gab und vom Chefarzt auf dem Weg zum Patienten mit einem harschen “Dich will ich hier heute nicht mehr sehen!” nach Hause geschickt wurde. Zuhause sitzt sie dann auf dem Stuhl und hat keine Ahnung, was jetzt gerade geschah. Sie beschreibt euch, wie verloren sie sich gefühlt hat.

Flickr: Eleni Papaioannou

Dass sie damals an sich schon eine junge Frau gewesen war, sich aber in dem Moment wieder wie ein kleines Kind gefühlt habe. Dass sie doch einfach nur nicht daran gedacht habe, dass ihre Handlung einen Menschen womöglich in Lebensgefahr versetzen würde. Wie sie sich gefragt habe, ob die Familie des Mannes von ihrer Schuld erfahren würde oder ob sie vor Gericht kommen würde. Wie könnte sie das dann bitte erklären?

Jetzt sitzt sie immer noch auf dem Stuhl vor euch. Die ganze Zeit hatte sie den Kopf gen Boden gerichtet, sie blickt euch an. Nach einer kurzen Pause sagt sie mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, dass das “die schlimmsten Stunden ihres Lebens gewesen sein”. Nicht, weil danach nie wieder etwas Schlimmes passiert wäre, aber in der Unwissenheit und mit den Gedanken, den Schuldgefühlen und dann noch alleine in ihrem Zimmer… das würde sie keinem wünschen und daher solltet ihr bitte immer besser noch ein zweites und drittes Mal kontrollieren, ob nicht doch noch Luftbläschen im Infusionsschlauch sind.

Was ist der Unterschied? Jetzt habt ihr wirklich ein klares Bild von den Auswirkungen des Fehlers.

Während sich eine koffeinreiche Nacht in der Bib doch ganz cool und irgendwie “studentisch” anhört, die lebensgefährliche Situation der Senioren in der Berghütte, doch im Endeffekt ein spannendes Abenteuer war und in Wirklichkeit sicher gar nicht so schlimm, und die alte Schwester mit ihrer leeren Drohung doch einfach nur übervorsichtig, habt ihr im letzten Abschnitt ein klareres Bild von den wirklichen Konsequenzen bekommen.

Um die Fehler nicht selbst zu machen, müssen wir uns in die Lage hineinversetzen als würden wir die Fehler tatsächlich selbst machen.

Wir müssen verstehen, dass man in den Nächten vor der Abgabe der Abschlussarbeit nicht denkt: “Ohh, cool eine durchgearbeitete Nacht. Tja, ich bin halt einfach Student.”, sondern in der jeweiligen Situation dazu neigt, diese weitaus schlimmer darzustellen als sie tatsächlich ist. Wir dabei selbst keine Ausnahme sein werden. Man malt sich aus, dass die Arbeit nicht fertig wird und die letzten 4 Jahre Studium umsonst waren, weil man die maximale Studienzeit ohnehin bereits ausgereizt hat. Sollte das nicht der Fall sein, erliegt man der Vorstellung, dass der Traum-Arbeitgeber sieht, dass man sich für seine Abschlussarbeit dann doch ein ganzes Semester zusätzlich nehmen musste und man solch einen Mitarbeiter wirklich nicht gebrauchen kann.

Wieder einmal ist das eigene Kopfkino spannend zu beobachten. Das kann uns — wie ihr gleich sehen werdet — in diesem Fall aber schon vor der “Eskalation” behilflich sein.

Erster Schritt

Wenn ihr wieder einmal von einem solchen Fehler hört und euch jemand aufgrund dessen einen Ratschlag erteilt, dann fragt nach und lasst euch genauer beschreiben, wie es für die Person wirklich war und wie sie sich in dem Moment gefühlt hat. Empathie ist angesagt. Jetzt bekommt ihr schon einen besseren Eindruck davon, was es mit dem Fehler wirklich auf sich hatte. Sollte es euch dann wirklich wichtig werden, diesen Fehler nicht zu machen, dann:

Zweiter Schritt

Zehn Minuten investieren. Sucht euch einen ruhigen Platz und schmeißt das Kopfkino an. Malt euch aus, was für abstruse, schreckliche Dinge ihr euch vorstellen würdet, wenn ihr in der Fehler-Situation seid. Dabei sind der Fantasie mal wieder keine Grenzen gesetzt. Aus Motivationsgründen kann man hier gerne ein wenig übertreiben.

Anwendung im Alltag

Ihr werdet nicht bei jeder Fehler-Ratschlag-Kombo ab jetzt zehn Minuten in euch gehen und erst einmal die womöglich dramatischen Folgen dieses Fehlers durchleben. Das ist nicht alltagstauglich. Sollte euch aber bewusst sein, dass ihr einen bestimmten Fehler tatsächlich nicht machen wollt und ihr euch dennoch dabei erwischen, Gefahr zu laufen ihn zu machen, dann habt ihr die wichtigste Aufgabe bereits erfüllt:

Eine relevante Fehler-Ratschlags-Kombination ausmachen.

Danach gilt es beim Ratschlaggeber nachzufragen, um mehr Einblicke zu erhalten, wie sich die Gefühlswelt damals denn wirklich darstellte, um sicherzustellen nicht mit der “ich bin so hart und habe das durchgestanden”-Version abgespeist zu werden.

Als nächster, schwierigster, aber effektivster Schritt: — Im Bewusstsein um die eigene Tendenz, den Teufel im Fall der Fälle dann an die Wand zu malen— Kopfkino anwerfen und sich die Konsequenzen, die man niemals haben will, fantasievoll ausmalen.

Testet doch jetzt einfach mal für 7-Tage, welche Ratschläge ihr erhaltet.