Thanks to: Daan Stevens

Die ersten Worte des noch ein wenig benebelten Patienten:
Wann darf ich wieder Sport machen?

Die Schwester lacht und sagt: “Nun, das müssen Sie den Doktor fragen, aber so schnell vermutlich erstmal nicht.

Ich strahle sie an und sage: “Ich weiß, innerhalb der nächsten zwei Stunden wohl eher nicht. Ist das eigentlich immer so, dass man so unfassbar gut drauf ist, wenn man aus der Narkose aufwacht?

Das ist von Patient zu Patient unterschiedlich.

Hmm…”, mache ich und schlafe wieder ein.

Der Spaziergang

Nun gut, ich muss zugeben, schon beim frühmorgendlichen Spaziergang hatte ich mir vorgenommen, genau das als erste Frage nach meiner OP zu stellen. Schon allein, um eine gute “Wann darf ich wieder Sport machen?”-Einleitung für einen Medium-Artikel zu haben, worum es darin gehen sollte, stand zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht fest.

Nach der OP ging es dann erst einmal nach Hause, wo mein “Genesungsprozess” ein wenig die Orientierung verlor, sodass ich vier Tage nach der Operation wieder per Notaufnahme ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Dort kümmerte sich zunächst eine Schwester um mich und danach durfte ich ein wenig auf den behandelnden Arzt warten. Dieser sollte in etwa einer Stunde kommen. Nach etwa 50 Minuten kommt die Krankenschwester und meldet: “Es kann noch zwei weitere Stunden dauern, der Doktor hängt noch im OP.” Die erste Stunde hatte ich mich vor allem gezielt darin geübt, an nichts zu denken und jetzt wollte ich mir wirklich drei konkrete Dinge überlegen, die ich aus den letzten besch******* Tagen gelernt hatte.

Hier der O-Ton aus meinem Journal:

  1. Es ist geil, wie leistungsfähig ich sonst immer bin. → Danach sollte ich weiterhin meinen Lebensstil ausrichten.
  2. Riesige Leistung auf dem Weg zu sein, den du gehen willst → Persönlichkeitsentwicklung & Spaß an der Arbeit
  3. Ich will hustlen → Das schaffe ich auch schon super gut.

Zu zweitens will ich in diesem Artikel ein paar mehr Worte verlieren.

Zunächst sollte ich den O-Ton ein wenig näher erläutern. Wie kam ich zum Gedankengang?

Hintergrund

Mit einem Stimmungszustand, den nur ein Blobfisch wirklich authentisch darstellen kann, und aufgrund des Sportentzuges ähnlicher empfundener Attraktivität, lag ich also auf meiner Liege und zwei Fragen kamen mir in den Kopf:

Blobfisch — Bild von Kinskarije

Was hast du eigentlich bisher überhaupt erreicht, Marco?” und “Wenn du jetzt heute hier stirbst, wie würdest du dann auf dein Leben zurückblicken?

Klar, ein wenig zu dramatisch aber oben beschriebene Laune plus verstörende Piepsgeräusche in unterschiedlichen Tönen und Frequenzen im Hintergrund sowie dumpfe Fachterminologie-Rufe, legitimieren die Auswüchse zumindest teilweise.

Da kam dann auch ein echter Lichtblick. Wie würde ich jetzt auf mein Leben zurückblicken? Die Antwort gab ich mir, indem ich mir ein eher kollegiales Gespräch mit der entsprechenden Obrigkeit vorstellte:
Meister, ganz ehrlich: Ich war auf dem richtigen Weg. Irgendwie hätte ich sicher in der Zeit mehr erreichen können, aber ich war echt auf dem richtigen Weg. Ich bin der Meinung, dass sich mein Leben noch ziemlich phänomenal entwickelt hätte.

Die Antwort war so zuversichtlich, dass ich beschloss die “Wann darf ich wieder Sport machen?”-Einleitung für einen Artikel “In vier Schritten von der Notaufnahme zur Zuversicht” zu verwenden, der knapp darstellen sollte, wie ich zu dieser Antwort kam.

Bild von Metro Centric

Schritt für Schritt Anleitung zur Zuversicht

Schritt 1: Arbeitsaffinität entwickeln

Durch Arbeit versaut man sich den ganzen Tag!”, “Ich dachte schon, das ist aber ruhig und gemütlich auf der Arbeit heute. — Eben gemerkt, ich liege ja zuhause auf dem Sofa.” oder “Arbeit ist für mich alles, aber um alles kann ich mich nicht kümmern.” sind nur einige wenige der Sprüche, die die negative Konnotation des Arbeitsbegriffes in unserer Gesellschaft zeigen.

Macht man sich aber bewusst, dass es nicht sonderlich befriedigend ist, 365 Tage im Jahr zuhause auf dem Sofa zu liegen, wird einem schnell bewusst, dass nicht Arbeit per se schlecht ist, sondern vielmehr vieler Leute Bild von ihr.

Ein Beispiel, an dem sich das ganz gut verdeutlichen lässt, ist das Holzhacken. Vor hundert Jahren noch eine lästige Beschäftigung und “Arbeit” (im negativen Sinne) wird es heute zur Freizeitaktivität.

Arbeit ist eine Sache der Perspektive und das zu erkennen und dann die nützlichere der beiden einzunehmen ist essenziell für den Spaß am Leben, das nunmal zu einem Großteil aus eben jener besteht.

An dieser Stelle: Liebe Grüße aus dem Krankenhaus und meinem Bett, von wo aus ich gerade an dem Artikel “arbeite”.

Schritt 2: Absondern der Begriffe Geld und Arbeit

Bild von Vladimir Losinsky

Wieder ein Spruch: “Ich habe mir das nochmal überlegt, ich brauche eigentlich gar keine Arbeit, Geld würde vollkommen reichen.

Nach Schritt eins begann ich also viel zu arbeiten und, um es mit den Worten Bodo Schäfers zu sagen, möglichst häufig “einkommensgenerierende Tätigkeiten” nachzugehen. Über einen längeren Prozess bin ich dann dazu übergegangen, auch mal für etwas zu arbeiten, was keinen unmittelbaren monetären Nutzen nach sich zieht.

Dies führte übrigens häufig dazu, dass es sich nach einiger Zeit auch im wörtlichen Sinne auszahlte.

Das bedeutete, auch an mir selbst zu arbeiten als wäre es eine professionelle Tätigkeit, der ich nachzugehen hätte. Mir Fragen über mich selbst gewissenhaft zu beantworten und nicht nach 3 Minuten überlegen, zu sagen: “Puuuh, da fällt mir jetzt aber nichts ein.”, sondern einen Timer zu setzen und 45 Minuten konzentriert an der Sache dranzubleiben, war ein Schlüssel.

Wenn wir nicht nur für Geld arbeiten, sondern auch für alle wichtigen Faktoren im Leben, dann erhalten wir auch den Gewinn in weiteren Dimensionen als nur der geldlichen.

Schritt 3: Raus mit der Sprache!

Und was ist bei dir zur Zeit so los?” —Nein, diesmal kein gemeingefährlicher Arbeitsspruch, sondern eine Alltagskonversation. — “Ach, nicht viel. Alles top. Bei dir?” “Passt auch voll, was sollen wir heute noch machen?” […]

Stattdessen die Menschen um sich herum wissen lassen: “Hey, das ist grade bei mir los: An sich finde ich X, Y, Z total spannend, aber gleichzeitig weiß ich nicht sicher, ob es dann richtig ist A zu machen. Hast ne Idee, was ich da machen könnte? Und ehrlich: Womit beschäftigst du dich gerade?

Konsequenzen:

  1. Wenn du das eine Weile durchziehst und den richtigen Leuten davon erzählst, kommen auf einmal — wie aus dem Nichts — Ideen auf dich zugeflogen.
  2. Du hast gleich einige Indizen, wer vielleicht die richtigen Leute sein können, um mit ihnen gemeinsam auf dem metaphorischen Lebensweg weiterzugehen.

Ergo: Small-Talk in tiefe Konversationen verwandeln, indem man etwas von sich selbst preisgibt.

Schritt 4: Machen

Bild von Sean Mac Entee

Wenn man eine Methode für gut befunden hat, dann ist das wie mit dem Trainingsplan im Fitnessstudio: Nur, weil du nach der ersten Woche noch keine rasanten Fortschritte zu verzeichnen hast, sollte man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Sondern dann einmal auf sich selbst vertrauen und dem System eine (am besten vorher festgelegte) Zeit lang treu bleiben und dementsprechend durchziehen.

Ergo: Auf die festgelegte Methode für einen festgelegten Zeitraum festlegen.

Freut euch jetzt ganz im Sinne von Schritt eins auf die Arbeit morgen, weil Arbeit versaut euch nicht den ganzen Tag, sie erarbeitet euch vielmehr ein zuversichtliches Leben.