Vorwort

Dieser Artikel richtet sich an euch, die ihr euch in folgendem Satz wiederfindet:
Um mein menschliches Potenzial voll auszuschöpfen, muss ich möglichst viele verschiedene Erfahrungen sammeln.
Wenn ihr dabei bereit seid, euch selbst zu hinterfragen und interessiert an einer Möglichkeit, mehr Toleranz gegenüber euren Mitmenschen üben zu können, dann: Viel Spaß!

Hintergrund

Ich liebe es, einer neuen Perspektive zu begegnen.

Ein Gedankenanstoß, der mich in seiner Tragweite noch Wochen und Monate später beschäftigt. Dann erwische ich mich immer wieder dabei, den Gedanken überall wiederzufinden und dadurch beginne ich bisher Selbstverständliches neu zu hinterfragen.

Quellen solcher neuartiger Perspektiven können Gespräche, in seltenen Fällen spontane Geistesblitze, Podcasts oder aber Bücher sein. Als Mensch, der gerne Zeit alleine verbringt und nicht rein auf die noch unterentwickelte spaziergängliche Geistesblitzverlässlichkeit bauen möchte, wurde derzeit als zentrale Quelle solcher Anregungen das geschriebene Wort gewählt.

Vor einigen Wochen bin ich wieder einmal fündig geworden. Der Ursprung: Das Buch “Sapiens — A Brief History of Humankind” von Yuval Noah Harari. Die Frage, welche mich beschäftigt hatte:

Woher kommen unsere Interessen, Leidenschaften, Freuden und Begeisterungen?

Bild von Flickr: Keith Parker

Backpacking

Beginnen wollen wir mit dem “Urlaub”, insbesondere mit dem Backpacking, das sich seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut und durchaus das Zeug zu einer unserer Leidenschaften hat.

Ob es nun den Abiturienten zu einem sechsmonatigen Selbstfindungstrip nach Australien verschlägt, die angestellte Immobilienfachwirtin für einige Wochen nach Thailand oder den BWL-Studenten auf eine Pilgerreise: Wir sind der festen Überzeugung das ist genau “unser Ding”. Wir identifizieren uns mit der Art und Weise, wie wir unseren Urlaub verbringen, und beim nächsten Date oder anderweitigen realen sozialen Interaktion, im Zweifel aber auch für den viel entscheidenderen Facebookauftritt, ist gleich klargestellt, wer wir sind.

Nicht nur:
Ich will Erfahrungen sammeln. Neues erleben. Meine Grenzen austesten.

Vielmehr:
Ich bin ein Mensch, der Erfahrungen sammeln, Neues erleben und seine Grenzen austesten will.

Das bin ich.

Woher unsere Interessen, Freuden, Leidenschaften und Begeisterungen also auch immer kommen, sie tragen zum Entstehen unseres Selbstbildes bei.

Dabei bin ich trotzdem Teil einer Gruppe, deren Motto lauten könnte:
Um mein menschliches Potenzial voll auszuschöpfen, muss ich möglichst viele verschiedene Erfahrungen sammeln.

Beim Aufklappen eines imaginären Klappentextes, könnte man als nähere Beschreibung der Gruppe Folgendes finden:
Unterschiedliche Gefühle erleben, verschiedene Arten von Beziehungen erleben, unterschiedliche Musikrichtungen hören und aus unserem Alltag ausbrechen. Neue Länder entdecken, um dort die Kultur, die Gerüche und Menschen kennenzulernen. Das sind einige unserer Freudegenerierungsmöglichkeiten (FGMs).

Unter diesem Begriff (FGM) möchte ich in diesem Artikel auch Interessen, Freuden und Begeisterungen zusammenfassen und damit die Verbindung zur ursprünglichen Frage:

Woher kommen unsere Interessen, Leidenschaften, Freuden und Begeisterungen?

herstellen.

Zunächst müssen wir aber einmal feststellen, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der damit verbundene Teil des Selbstbildes, wenig wert ist ohne die gleichzeitige Abgrenzung von einer anderen Gruppe.

Wie könnte das Motto solch einer anderen Gruppe lauten?

Ein neues Paar Schuhe

Um glücklich zu sein, helfen mir all die schönen FGMs, die ich mir von Zeit zu Zeit leisten kann.

Um glücklich zu sein, will ich in der Lage sein, so viele Produkte und Dienstleistungen wie möglich zu konsumieren.

Bild von Flickr: Daisy Starr

Die Idee? Irgendetwas fehlt mir gerade, um glücklich zu sein. Also kaufe ich mir etwas, das mir hilft, diesen Zustand zu ändern.

Ich fühle mich nicht attraktiv. Was würde mir da helfen? Vielleicht das neue Paar Schuhe der Frau aus der Werbung. Die sieht doch super aus. Das Fitnessstudio, das mir mit dem “My-Summer-Body-Workout-Plan” und drei Fitnessstudiobesuchen die Woche Attraktivität geradezu garantiert.

Ich fühle mich gestresst. Aber gleich kann ich wieder zum Yoga-Kurs gehen und dann ist der Stress verflogen.

In unserer Beziehung kriselt es. Lass uns alles versuchen und noch zur Paartherapie gehen.

Um glücklich zu sein, will ich in der Lage sein, so viele Produkte und Dienstleistungen wie möglich zu konsumieren” ist integraler Bestandteil der Konsumgesellschaft und Motto der zweiten “Ein-neues-Paar-Schuhe”-Gruppe. Wir urteilen über das naive Mädchen, das sich das Paar Schuhe aus der Werbung kauft, um sich attraktiver zu fühlen.

Problematisch wird es allerdings, wenn wir uns selbst in ähnlichen Beispielen entdecken. Dann erzählen wir uns:

Das Fitnessstudio besuche ich nicht, weil ich mich sonst nicht attraktiv finden würde, sondern weil ich gerne Sport mache! Ich bin Sportler. Außerdem ist sportliche Aktivität gesund.

Bild von Flickr: Li-Mette

Den Yogakurs besuche ich nicht, weil ich gestresst bin, sondern weil ich da meine Freundinnen sehe und es entspannt mich wirklich. Ich bin ein ausgeglichener Mensch und Yoga ist schlicht und ergreifend Ausdruck meiner Selbst. Außerdem ist Yoga gesund.

Zudem: Wenn ich mir ein neues Paar Schuhe kaufe, dann mache ich das nicht, weil ich mich nicht attraktiv fühle, sondern weil ich einfach keine schönen Schuhe mehr habe.

Der Konsumgesellschaft fallen wir nicht anheim. Das machen nur die anderen.

Viel schöner klingt da “Um mein menschliches Potenzial voll auszuschöpfen, muss ich möglichst viele verschiedene Erfahrungen sammeln” (das Motto der ersten “Backpacker”-Gruppe).

Wir haben jetzt somit zwei verschiedene Gruppen, die “Backpacker”-Gruppe und die “Ein-neues-Paar-Schuhe”-Gruppe, gesehen. Deren empfundene Mitgliedschaft beeinflusst unser Selbstbild. Dabei weicht die Selbsteinschätzung von der Wirklichkeit ab.

Was hilft uns jetzt sonst noch dabei weniger wertend auf die anderen Menschen, die um glücklich zu sein ein neues Auto, ein neues Paar Schuhe oder einen All-inclusive Urlaub am Strand brauchen zu blicken? — Mit dem Gedanken hatte ich euch ja ursprünglich zur Lektüre des Artikels gelockt. —

Bild von Flickr: Stinterwein

Die Geschichte hilft uns.

Was hätte ein Pharao gemacht, um seiner Frau eine Freude zu bereiten? Was waren die FGM der Pharaonen?

Er hätte ihr eine Pyramide gebaut. Jeder Pharao, der etwas auf sich gegeben hat, hat den Großteil seiner Mittel darauf verwendet, eine Pyramide zu bauen, seine Leiche zu mumifizieren, aber keiner wäre auch nur auf die Idee gekommen neue Kulturen auf der anderen Seite seines Reiches zu erleben.

Hätte er all die Mittel, die in den Bau seiner Pyramide geflossen sind, für Reisen ausgegeben — er hätte sein Lebtag lang neue Erfahrungen sammeln können und nicht jeden Tag Trauben aus einer Schüssel serviert bekommen müssen, sondern einmal neue kulinarische Erlebnisse machen können.

Für andere Kulturkreise und zu anderen Zeiten war es aber nicht erstrebenswert zu Reisen, obwohl es durchaus auch damals schon möglich gewesen wäre.

Ein anderes Beispiel? Aristokraten im Mittelalter, beziehungsweise vielmehr deren Sprösslinge. Wie denkt ihr, haben die Erben der teils riesigen Burgen und breiten Felder gewohnt? An Räumlichkeiten hat es nicht gemangelt, wie werden sie da schon gelebt haben? Sicherlich in einem handgeschnitzten Eichenbett in einem geräumigen Zimmer!

Nein, der Heranwachsende hatte keine eigenen privaten Räumlichkeiten. Er hat mit den anderen Gleichaltrigen in einer größeren Halle geschlafen. Wie war das möglich?

Im Mittelalter hat sich der Wert des Einzelnen nicht nach seinen individuellen Fähigkeiten, sondern nach seinem Stand in der sozialen Hierarchie bemessen.

Heute sind wir davon überzeugt, dass unsere Individualität unseren Wert bemisst. Jeder Mensch hat seine ganz eigenen Qualitäten, die ihn in seiner Einzigartigkeit wertvoll machen.

Bild von Flickr: cea +

Das ist ein Glaubenssatz des individuellen Humanismus, dem wir als Gesellschaft heutzutage anhängen, wohingegen der Ausgangspunkt des Artikels (“um mein menschliches Potenzial voll auszuschöpfen, muss ich möglichst viele verschiedene Erfahrungen sammeln” ) erst seit der Romantik und damit in etwa seit dem 19. Jahrhundert unser Denken bestimmt.

Ergo: Oftmals hat es den Anschein, als läge die objektive Wahrheit unser zeitgemäßen Weltbilder auf der Hand. Dem ist aber nicht so. Sie sind lediglich ein Schaubild der momentan vorherrschenden gedanklichen Strömungen.

Fazit

Ausgehend vom Interesse an der ursprünglichen Frage, “Woher kommen unsere Interessen, Leidenschaften, Freuden und Begeisterungen?”, haben wir uns zunächst einmal zwei — zunächst konträr erscheinende — Mottos angesehen. Das der “Backpacker”-Gruppe, welches sich als Ausdruck des romantischen Gedankenguts entpuppte, und das der “Ein-neues-Paar-Schuhe”-Gruppe, welches als Religion der Konsumwirtschaft bezeichnet werden könnte. Danach haben wir einen Blick auf die Geschichte geworfen, was uns — anstatt Antwort auf die ursprüngliche Frage zu geben — zu folgender Frage führte:

Was kann uns Konsumenten, Romantikern und individuellen Humanisten die Geschichte der Pharaonen des alten Ägypten und der Landherren des Mittelalters somit lehren?

Der Hauch einer Antwort darauf kann lauten:

Nichts ist so selbstverständlich, wie es zunächst scheint und viele Facetten unseres Selbst, welche wir als inhärenten Bestandteil unseres Denkens und unumstößliche, endgültige Wahrheit ansehen, sind Spiegel der Zeit, Gesellschaftsform und Umgebung, in der wir aufgewachsen sind.

Das komplexe Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren hat dazu geführt, dass viele der Leser es als erstrebenswert empfinden, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Werden wir uns bewusst darüber, dass wir unter nur geringfügig anderen Umständen der felsenfesten Überzeugung wären, gänzlich andere FGM seien objektiv wahr.

Wir wären uns sicher, der Bau einer riesigen Grabkammer in meinem Garten liefert einen weitaus höheren Mehrwert als Reisen. Oder aber: Mein Kind braucht kein eigenes Kinderzimmer, sondern sollte mit seinen Klassenkameraden in der Schule übernachten, um seinen sozialen Status Ausdruck zu verleihen. (À la Internat?)

Der Bau der Grabkammer und das Übernachten der Kinder im Schulgebäude wären selbstverständlich die bestmöglichen Optionen.

Rufen wir uns das ins Bewusstsein, so liegt darin die Möglichkeit, sich in Toleranz gegenüber anderen Weltbildern zu üben.

Wenn ihr euch also das nächste Mal darüber aufregen wollt, dass der Unternehmensberater aus der Nachbarschaft regelmäßig 80-Stunden-Wochen schiebt, um sich später einen Porsche leisten zu können, weil er denkt, dass ihn das glücklich macht, dann denkt daran, dass ihr — unter anderen Umständen geboren — euren Selbstwert aus dem Bau einer Pyramide beziehen könntet.

Letztendlich lehrt es uns, zu hinterfragen und die Dinge nicht als “gottgegeben” hinzunehmen.

Wovon seid ihr überzeugt, dass es selbstverständlich, unumstößlich und objektiv wahr ist? … Ist es das?